Im Niemandsland

Mit dem Begriff ‚Niemandsland (terra nullius)‘ wird ein Gebiet bezeichnet, das niemandem gehört, also Niemandes Land ist. Dabei kann es sich laut unserer aller „Lieblingsenzyklopädie“ des Web 2.0 etwa um einen Raum handeln, der zwischen den Frontlinien eines Krieges liegt.

Mit den unterschiedlichsten „Fronten“, die ein Krieg eröffnen kann, haben auch die Figuren in ‚Niemandsland‘, einem Stück der Regisseurin Yael Ronen, zu kämpfen: Aus verschiedenen Gründen ist ihr Schicksal an den Krieg gebunden – Azra Adiovic, die grandios von Birgit Stöger gespielt wird, und mit ihrer Tochter Leyla klar im Zentrum der Handlung steht, ist zu Zeiten des Bosnienkrieges nach Österreich geflohen, und schlägt sich seitdem in Graz als Kammerjägerin durch. Sie „tete Schädlinge“, erklärt sie dem Universitätsprofessor ihrer Tochter Jörg Thalmann, der sich in seiner soziologischen Forschung mit den Auswirkungen des Krieges auf die Gesellschaft beschäftigt. – Krieg ist für ihn Forschung, ein abstraktes Gebiet, von dem er profitiert.

Der Krieg, und vor allem, was ihrer Mutter in diesem passiert ist, stellt ein Tabuthema dar – vielleicht auch deswegen der Grund für Leyla selbst in ein Kriegsgebiet, nach Palästina, zu gehen.

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Leyla (Saleh) hilft ihrer Mutter Azra (Stöger) ihre Arbeitskleidung auszuziehen. (c) Lupi Spuma

Dort trifft sie auf Osama, einen Palästinenser, der mit der Israelin Jasmin verheiratet ist, die sich schon in Österreich befindet, und alles daran setzt, ihren Mann zu sich zu holen. Besonders fesselnd, wenn man weiß, dass dieser Handlungszweig auf dem Leben der beiden SchauspielerInnen Osama Zatar und Jasmin Assivar basiert, die im Stück quasi sich selbst spielen. Ein anhörenswertes Interview mit Osama Zatar und Jasmin Assivar findet sich auf dem Blog des Schauspielhauses Graz: http://blog.schauspielhaus-graz.com/jasmin-avissar-und-osama-zatar-ueber-niemandsland/

Mit den anderen Figuren werden„Profiteure“ der wirtschaftlichen, medialen Vermarktung des Krieges beleuchtet: Milos Dragovic, Schauspieler und Jugendfreund von Leyla, der ein Stück über Vergewaltigungen im Krieg aufführt, und sich zunächst noch für seinen unschuldigen Vater rühmt; der „klassische“ Kriegsreporter Fabian Feldkirch, der unter einer posttraumatischen Störung leidet, zuviel trinkt, jedoch unbedingt nach Syrien will, und sich ein Duell mit dem mehr um sein Äußeres, und vor allem seine Zähne, besorgten, mediengeilen Anwalt Lukas Nachmann liefert, der eine syrische Bloggerin zu vertreten scheint: Amina Abdallah Arraf al-Omari. Auch an diesem Handlungsstrang zeigt sich, wie nah Fiktionalität und Realität zusammenfallen können: 2011 „erfand“ in der realen Welt ein US-amerikanischer Aktivist (Tom MacMaster) genauso wie der Anwalt Nachmann im Stück die Figur der Amina und den Blog „A Gay Girl in Damascus“.

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Jasmin (Avissar) versucht den Anwalt (Feldmeier) von ihrem Anliegen zu überzeugen, der hat jedoch andere Prioritäten. (c) Lupi Spuma

Auch der bürokratische Wahnsinn, dem Flüchtlinge ausgesetzt sind, wenn sie versuchen, für sich selbst oder ihre Angehörigen Aufenthalt zu beantragen, tritt zutage, wenn Jasmin sich für ihren Mann einsetzt, der Anwalt Nachmann aber keine Zeit für einen Termin hat, wenn es sich nicht gerade um einen Zahnarzttermin für ihn selbst handelt.

Niemandsland ist ein Stück, das durch die Aktualität des Themas und auch die Bezüge zur „realen“ Welt aufwühlt und zum Nachdenken anregt.

Trailer zu Niemandsland

Zusatztrailer zu Niemandsland

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