Niemandsland ist niemands Land?

Nach Hakoah Wien ist im Schauspielhaus nun schon in zweiter Spielzeit Yael Ronens neues Stück zu sehen. Die österreichisch-israelische Autorin führte bei der Produktion selbst Regie und beweist damit, welche Glanzstücke bei perfekter Kooperationen der einzelnen Beteiligten entstehen können.

Birgit Stöger als Azra ; (c) Lupi Spuma

Birgit Stöger als Azra (c) Lupi Spuma

Wer denkt bei Niemandsland nicht sofort an Peter Pans Nimmerland und seine fliegenden Freunde? Aber verbergen sich hinter dem Titel wirklich ein Traumort und eine fantastische Kindergeschichte? Wohl kaum: das Niemandsland in Graz berichtet von Krieg, Trauma und der Suche nach einem sicheren Platz in unserer unsteten Welt.
Die Handlung beginnt in der Wohnung von Azra, die erschöpft von ihrer Arbeit kommt. Vom Krieg geprägt, nach Österreich geflüchtet, erwartet sie nichts mehr vom Leben und isoliert sich folglich davon. Ihr einziger Bezug ist Tochter Leyla, die das sichere Nest verlassen will, um im Krisengebiet von Palästina zu helfen. Neue Szene: Palästina. Leyla begegnet dem einheimischen Künstler Osama, der sich vergeblich um ein österreichisches Visum bemüht, um mit seiner israelischen Frau Jasmin zusammenleben zu können. Nach der Reihe werden weitere Episoden vorgestellt: ein ausgebrannter Kriegsreporter auf der Suche nach Arbeit, die Entführung einer syrischen Bloggerin, die sich für ihr Land einsetzt, ein Anwalt der sich mehr Gedanken um seine Zähne als Klienten macht. Jeder Charakter auf der Bühne kämpft mit seinem eigenen Schicksal, kämpft damit, fremd zu sein und fremd zu werden. Das schwierige und doch so lebensnahe Thema der Immigration ist dramaturgisch unglaublich gut präsentiert. Schritt für Schritt werden die einzelnen Hintergründe enthüllt, bis sich zum Schluss ein ganzes Netz aus Zusammenhängen gespannt hat.

Osama und  Leyla (Seyneb Saleh) ; (c) Lupi Spuma

Osama und Leyla (Seyneb Saleh) (c) Lupi Spuma

Die schauspielerischen Leistungen sind ausnahmslos hervorragend. Nicht umsonst ist Birgit Stöger für ihre Rolle der Azra für den Nestroy Theaterpreis als beste Schauspielerin 2014 nominiert. Auch Seyneb Saleh als ihre Tochter ist berührend in ihrer Rolle als Beschützerin, die sich doch selbst nichts wünscht als Geborgenheit. Ebenso scheint der Rest des Ensembles auf die Charaktere maßgeschneidert zu sein. Der Gedanke kommt nicht von irgendwo, denn das Ehepaar Osama und Jasmin verkörpert ihre eigene Lebensgeschichte, die die Anregung zu diesem berührenden Stück war. Diese Realität der Handlung sorgt für eine Eindringlichkeit, die stets im ganzen Raum zu spüren ist. Trotz immer wieder ausbrechender Lacher, ist der Ernst der Lage nie zu verneinen.

Osama und Jasmin ; (c) Lupi Spuma

Osama und Jasmin (c) Lupi Spuma

Die Verknüpfung mehrerer Lebensgeschichten ist auch im Bühnenbild von Fatima Sonntag gut verarbeitet. Die Inszenierung spielt mit den verschiedenen Ebenen der Handlung und lässt die Schauspieler so auf drei verschiedenen Höhenniveaus spielen. Schlicht ist die Thematik des Auf- und Absteigen damit veranschaulicht und auch der Fall von ganz oben erscheint immer wieder als drohende Gefahr.
Was bleibt nach einer berührenden Geschichte als Erkenntnis im Zuschauer zurück? Wohl bei jedem etwas anderes, so zum Beispiel, dass viele, die helfen wollen, selbst nur Hilfe suchen. Gibt es somit keine altruistische Tat? Ist es Mitgefühl oder Egoismus, dass uns dazu bewegt, an andere zu denken? Jedenfalls wird man aufgefordert, seine eigenen Vorstellungen und Motive zu hinterfragen.

Informationen zum Stück unter:
http://www.schauspielhaus-graz.com/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=17812

Trailer:

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