Peter Simonischek liest „Die Büste des Kaisers“

Heimatlosigkeit – dieses Gefühl thematisiert Joseph Roth in seiner Novelle „Die Büste des Kaisers„; gelesen wird das Stück von Publikumsliebling Peter Simonischek.

1934, also genau vor achtzig Jahren, wurde Die Büste des Kaisers verfasst – trotzdem findet man noch Aktualität in den Worten Roths. Die Geschichte des ostgalizischen Grafen Franz Xaver Morstin, der den Untergang der K. u. K. Monarchie miterlebt, tänzelt immer wieder um das Thema Zugehörigkeit. Wpzu ist ein Mensch denn überhaupt zugehörig? Zu einem Land, zu einem Volk? Was geschieht dann mit jenen, die mehrere Wurzeln haben, jenen, die sich nicht eindeutig einem Land oder einem Volk zuteilen lassen? Graf Morstin, der sowohl italienische als auch polnische Wurzeln hat, sieht sich selbst als einen Österreicher, einen übernationalen Menschen. Die Idee des Nationalismus befremdet ihn, ebenso erschüttert ihn der Tod des Kaisers, den er so verehrt.

Die Büste des Kaisers, die Arbeit eines einfachen Bauernburschen, repräsentiert nicht nur die Liebe Morstins zum letzten Kaiser, sondern auch die Liebe zu einer Zeit, als es noch keine Serben/Serbinnen oder Polen/Polinnen gab, sondern einfach nur den Österreicher, die Österreicherin. Morstin stellt sie nach dem Krieg vor seinem Haus auf und negiert damit die neuen Umstände, nämlich, dass er nun kein Österreicher mehr ist, sondern Pole. Schlussendlich muss er sie begraben, die Büste, und alles, wofür sie steht: Monarchie, Heimat, Zugehörigkeit, eindeutige Rollen für jeden in der Gesellschaft. Was bleibt, ist Unsicherheit zur eigenen Person: wo gehöre ich hin? Wo ist mein Platz, was meine Rolle?

Peter Simonischek entführt in der Lesung von Roths Die Büste des Kaisers mit seiner volltönenden Bassstimme in die Zeit der Wurzellosigkeit zwischen den beiden Weltkriegen und in die Welt des Grafen Morstin: Eine Gute-Nacht-Geschichte der Extraklasse für Erwachsene, sowohl von der Wahl der Lektüre her, als auch vom Ambiente, dem in Dunkelheit getauchten Hauptsaal des Grazer Schauspielhauses.

Wenn auch etwas mühselig – weil langatmig – während einiger Passagen, so doch im Großen und Ganzen eine unterhaltsame Lesung, die zum Denken anregt und die Frage aufwirft, ob es so etwas wie eine eindeutige Rolle und eindeutige Zugehörigkeit in unserer globalisierten Welt überhaupt noch geben kann.

Peter Simonischek (c) Christian Mastalier

Peter Simonischek (c) Christian Mastalier

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