Männerfreundschaft ist… (ange)heiter(t), laut und verhängnisvoll.

Die Wette zweier Feen über die Sittenlosigkeit des männlichen Geschlechts ist der Ausgangspunkt des Stücks Lumpazigeist Höllenangst Umsonst. Beleuchtet werden Aufstieg und Fall so manch erschlichener Karriere und ihre Folgen. 

Wer heiraten will wie Emil Thurming, darf sich eine Sache nicht entgehen lassen – den feuchtfröhlichen Polterabend. Den feiert die Hauptfigur aus Höllenangst mit seinen Freunden Wendelin, Pfrim, Leim, Zwirn, Knieriem, Arthur und Pitzl, natürlich auf Kosten der lieben Steuerzahler. So trinken und sinnieren sie, im Hinterkopf stets den Minister, dessen (Nicht-)Ableben für alle zukunftsweisend ist. Was die Herren nicht wissen ist, dass das Schicksal, als Kellnerin getarnt, mehr als einmal in das bunte Treiben der Polterrunde eingreift – höchst modern mit der Fernbedienung versteht sich. Am Ende bleibt den Feen nur mehr das Richten…oder auch nicht.

(c) Lupi Spuma

In einer Koproduktion mit dem Theater im Bahnhof verbinden Helmut Köpping und Ed. Hauswirth drei Werke Johann Nestroys (titelgebend!) mit Zitaten der österreichischen Politszene der letzten 15 Jahre. Das Thema Männerfreundschaft oder, auf gut österreichisch, die Freunderlwirtschaft steht im Mittelpunkt. Rückblicke auf das Verhandeln in illustrer Runde, wo man sich in berufliche und persönliche Abhängigkeiten begab und über Zukünftiges entschied sowie Liebe und Kampf unter Männern sind zentral. „Wo wor mei Leistung?“, fragt etwa der Aufsteiger Wendelin seinen Vater Pfrim und Thurming weist darauf hin, dass er „zu schön, zu jung“ sei, um belangt zu werden. Das typisch Männliche (?) wird offen ausgelebt, auch an der Kellnerin, die als Projektionsmittel für Wünsche dient; als Freundinnen der Braut die traute Einigkeit stören, ist das Chaos perfekt und an das Publikum wird die nicht unberechtigte Frage „Merken Sie wie das Niveau sinkt?“ gestellt.

Das Ensemble rund um die Polterrunde ist stimmig und hat sichtlich Spaß auf der Bühne – hervorzuheben sind hier Christoph Rothenbuchner (Thurming) und Beatrix Brunschko (Kellnerin). Beide lenken durch ihre Rollen das Ensemble und das Publikum in die von ihnen gewünschte Wirklichkeit. Probleme bereitet das Verständnis der einzelnen Zusammenhänge, man will fast zu viel mit diesem Stück erreichen. Sehr gelungen ist aber der Einsatz des Trios „Kollegium Kalksburg“, die als Gastmusiker am Polterabend auftreten und in der Pause das Publikum beehren. Ihre Wiener Lieder schaffen nicht nur einen Übergang zu Nestroy’s Zeit, sie unterstreichen auch die Taten und Gefühle der Protagonisten – man blickt direkt in die mit sich selbst kämpfende, österreichische Seele.

(c) Lupi Spuma

Beendet wird der Polterabend mit einer „Kunstaktion“, in der Gerhard Balluch (großartig als alternder Schauspieler Pitzl!) Sätze aus Nestroys letztem Willen rezitiert. Die Panik davor, lebendig zu begraben werden, war im 19.Jahrhundert wohl sehr groß; bitter in Bezug auf die heutige Politik ist, dass viele Betrügereien lebendig begraben werden, um nach kurzer Zeit als Anekdoten wieder aufzuerstehen.

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