Xerxes – „lieblich und angenehm“

„Der Xerxes liebt ein Mädchen, das hat seinen Bruder erwählt…“ Grob zusammengefasst handelt es sich bei jener Oper Georg Friedrich Händels (1738) um eine vielschichtige und kaum zu überblickende Intrigengeschichte, in deren Mittelpunkt der Perserkönig Xerxes steht, der in Liebe (bzw. Begehren) zu der Tochter seines Heerführers Ariodates, Romilda, entbrannt ist. Diese liebt ungünstigerweise Xerxes‘ Bruder Arsamenes, den wiederum Romildas Schwester Atalanta umwirbt. Die ausschweifend und phantasievoll dargebrachte Handlung erzählt von schier endlos werdenden Verwicklungen, die sich erst am Ende scheinbar glücklich auflösen und zugleich in kreativer Art und Weise die Vorgeschichte zur Vermählung Xerxes‘ mit Amastris thematisieren, während die Liebesgeschehnisse um die im Stück zentralen Figuren Romilda und Atalanta durchwegs erfunden sind.

(c) Karl Foster

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Von der historischen Figur des Xerxes musste man sich also, wollte man aufgrund geschichtlicher Vorkenntnisse nicht enttäuscht und erzürnt frühzeitig den Saal verlassen, sehr schnell gedanklich distanzieren, um die Geschichte als eigenständige Produktion mit quasi zufällig gewähltem historischem Kontext genießen zu können. Das realistisch-absurde Intrigenspiel, das man, um den Faden nicht zu verlieren, konzentriert von Anfang bis Ende zu verfolgen hatte, nutzte die geschickt eingesetzte Vermischung antiker und barocker Stilmittel, um sie zu einer modern anmutenden Vorführung zusammenzustückeln.

Auf vielfältige Weise wurden unterschiedliche Möglichkeiten angewandt, immer wieder mehr oder weniger überraschend das Publikum aus der starren und konzentrierten Aufmerksamkeit herauszureißen. Beinahe jedes Mal, wenn man sich in die Schönheit der Texte oder der Musik fallen ließ, geschah eine unerwartete Provokation gegen die Geradlinigkeit der Vorführung: Die humoristische Einbeziehung des Orchesters in die Handlung, das bewusste Reagieren der Darsteller auf das Publikum, absurd anmutende Anachronismen, Sodomie u.v.m.

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(c) Karl Foster

Alles in allem war die Oper also unterhaltsam und kurzweilig, sie schaffte es aber nicht, durchaus pathetische Allgemeinplätze über Liebe und Sehnsucht berührend zu vermitteln, da der parodistische Klamauk durchwegs im Vordergrund stand. Wenn man also jeglichen Sinn für ernsthafte Empfindungen beiseiteließ und das Gemüt für musikalisch anspruchsvolle und darstellerisch amüsante Aspekte öffnete, konnte die Oper auf ganzer Linie überzeugen. Das detailverliebte und schön gestaltete Bühnenbild faszinierte zudem beinahe bei jeder Szene, und die übertriebene Effekthascherei der Aufführung überspannte den Bogen derart, dass man gar nicht mehr anders konnte, als den absonderlich voranschreitenden Liebeleien in ihrer zügellosen Leichtigkeit schmunzelnd und aufmerksam zu folgen. Nur das Mitempfinden war dementsprechend beinahe unmöglich.

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