Gerd Kühr und die Russen

Beim fünften Orchesterkonzert des Musikvereins Graz war vom Grazer Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Constantin Trinks ein zeitgenössisches Werk von Gerd Kühr und das 2. Violinkonzert von Sergej Prokofjew zu hören. Im zweiten Teil erreichte der Abend mit einer musikalischen Ausstellung von Mussorgskij seinen unumstrittenen Höhepunkt.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“. Ob sich dies auch für die Wahl des modernen Stücks des Konzertes bewahrheitet, bleibt fraglich. Denn während man die „traditionelle“ E-Musik meist auch genießen kann, ohne ihren Inhalt und die Struktur genau zu verstehen, fiel das bei Gerd Kührs Komposition erheblich schwerer. Linie Punkt Fläche Raum, von dessen sechs Stücken drei ohne Titel sind, fand im Stefaniensaal nicht den gewünschten Anklang. „Die Musik ist klar genug, um auf eine Benennung verzichten zu können“, sagt Gerd Kühr kryptisch über seine namenlösen Stücke, doch diese Klarheit konnte im Konzert nicht gefunden werden. Kühr, der selbst am Abend anwesend war und sich auch den spärlichen Applaus für sein Stück abholte, hätte seinem Werk wohl eine erklärende Einführung voranstellen sollen. So blieb nur ein spannungsloses Tongemisch beim Zuhörer zurück, bei dem sich nicht einmal das Orchester bemühte, einen roten Faden zwischen den Stücken zu spannen.
Als zweites erklang das berühmtere der beiden Violinkonzerte von Prokofjew. Der Solist Julian Rachlin spielte seinen Part gut vorbereitet und trotzdem denkbar mürrisch. Dies ließ der besonderen Leidenschaft, die doch in fast jedem russischen Kunstwerk zu spüren ist, leider wenig Raum. Das Herzstück des Konzertes ist der zweite Satz. Mit einem fabelhaft gespielten Anfangsmotiv tänzeln die Klarinetten dahin, bis die liebliche Melodie der Solovioline erklingt, zu der sich nach und nach auch die anderen Geigen gesellen. Als Zugabe durfte man Sonaten von Eugène Ysaÿe und Johann Sebastian Bach (wie könnte es anders sein) vernehmen, die nun auch die sanfteren Saiten des Solisten zum Vorschein brachten.

Welche kritischen Notizen finden sich nach dem Konzert hinter dem Wort „Mussorkskij“? Mussorgskij: ! Ein Doppelpunkt, ein Rufzeichen und ein Bravo nach dem letzten, verklungenen Akkord. Es gibt Musik, die ab dem ersten Ton fesselt, dessen Anfangsmelodie das ganze Publikum in seinen Bann zieht, und Musik dieser ganz besonderen Art durfte man an diesem Abend lauschen. Die berühmte Promenade, die der eigentlichen „Ausstellung“ voran geht, besticht durch ihre Einfachheit und Ausdrucksstärke und erklingt zwischen den einzelnen Bildern immer wieder in variierter Form. Denn nun beginnt der Spaziergang durch eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Bilder, die der russische Romantiker mit seiner musikalischen Dichtung wunderbar bildhaft vermitteln kann. Da hört man das schwere Stapfen eines „Gnomus“, das aufgeregte Geschnatter der Marktweiber am „Platz in Limoges“ und das leichtfüßige Tänzeln beim „Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen“. In relativ flottem Tempo führte Constantin Trinks das Grazer Orchester souverän durch die Vielfältigkeit dieses Werkes. Geschickt hob er sich das fulminanteste Forte bis ganz zum Schluss auf und gab dem Abend im mächtigen letzten Stück einen würdigen Abschluss. Wenn „Das große Tor von Kiew“ erklingt, ist die Mächtigkeit dieses Bauwerks nicht nur im rauschendem Orchesterklang zu erahnen, sondern vor allem auch in der Schwingung zwischen den Tönen, die das innigste Innere zum Klingen bringt.

Weitere Konzerte und Informationen zum Musikverein unter:
http://musikverein-graz.at/konzerte.html

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