Shakespeare und die moderne Frau

Man hört, Shakespeares „Zähmung“ habe sich überlebt; sie sei in einer Zeit entstanden, in der patriarchalische Zustände die Gesellschaft dominierten und der Emanzipationsprozess der Frauen nicht einmal in seinen Kinderschuhen steckte. Und tatsächlich: Die Vorwürfe sind nicht von der Hand zu weisen und es lässt sich gegen das Werk allerlei einwenden. Dennoch scheint mir, es wird in der Debatte um diese frühe Komödie ein entscheidender Umstand außer Acht gelassen: Man erhebt den Vorwurf, der Geist des Stückes sei nicht zeitgemäß, während niemand den Geist des Stückes zu fassen vermag. Niemand kennt den Zweck, der sich hinter diesem Werk verbirgt, und gerade darum eröffnet sich dem Lesenden – wie immer bei Shakespeare – ein weites Feld an Deutungsmöglichkeiten.

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(c) Lupi Spuma

Wer Shakespeares widerspenstige Katharina als verstaubte Bühnenfigur kategorisiert, hat gute Gründe. So singt die rebellische Titelfigur am Ende des Stückes eine Hymne auf die Unterwürfigkeit der Frau. Kein Wunder also, dass diese Zeilen in einem aufgeklärten 21. Jahrhundert zunächst auf Unverständnis stoßen. Und überhaupt: Die Entwicklung einer unbotmäßigen Frauenfigur zur sklavischen Untergebenen ihres Ehemanns – vielleicht etwas zu überstürzt. Aber ist die Komödie nicht dazu berufen, gesellschaftliche Missstände zu überspitzen, um dem Zuseher ihre Ernsthaftigkeit bewusst zu machen? Ich meine ja, und so glaube ich, dass dieses Werk immer noch genug Brisanz besitzt, um auf heutigen Bühnen zu überzeugen.
Eine Deutungsmöglichkeit wäre, Katharina als jene moderne Frau zu verstehen, die sich der Liebe scheut, bis sie der Liebe begegnet. Ein anderer Aspekt ist der verbale und physische Missbrauch an Frauen. Als Drittes ist das bis heute nicht ausgeglichene Machtgefälle zwischen den Geschlechtern zu nennen. All diese Elemente fließen in Shakespeares Komödie ein. Dass der namhafte Dramatiker aus Stratford-upon-Avon sich ihrer Überzeitlichkeit nicht bewusst gewesen sein kann, sei dahingestellt; wesentlich ist, dass dem vielfach erhobenen Vorwurf der fehlenden Aktualität dieses Stückes durchaus moderne Züge entgegengehalten werden können.

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Magdalena Wabitsch (c) Schauspielhaus Graz

Die Probebühne des Schauspielhauses Graz hat Shakespeares Zähmung mit großartigem Ensemble aktuell auf die Beine gestellt. Die Inszenierung allerdings ist für den theaterfernen Zuseher gewöhnungsbedürftig: Sie changiert zwischen traditionellen und modernen Elementen und wirkt an manchen Stellen zu bemüht. Zu oft verschwindet das Werk hinter manchmal mehr, manchmal weniger gelungenen komödiantischen Einlagen und Witzeleien. Das überraschende moderne Ende hingegen kommt zu kurz zur Geltung, um seine Sinnhaftigkeit dem Publikum deutlich zu machen. Alles in allem jedoch erwarten den Zuseher kurzweilige anderthalb Stunden, die für eine erste Auseinandersetzung mit Der Widerspenstigen Zähmung durchaus geeignet sind.

Weitere Termine finden sich unter folgendem Link:

http://www.schauspielhaus-graz.com/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=21130#Vorstellungen

Videovorschau:

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