Das Missverständnis – essentiell und existentiell

Der grundsätzlich erfolgreiche und zufrieden lebende Jan kehrt nach vielen Jahren gemeinsam mit seiner Gattin in seine Heimat zurück, da ihn ein innerer Trieb dazu verleitet, die damals zurückgebliebenen Familienmitglieder aufzusuchen. Entgegen der Intuition seiner Frau, die seinen obskuren Plan letztendlich nicht mitverfolgen will, entschließt sich Jan unerkannt und unter falschem Namen ein Zimmer im Gasthof seiner Mutter und seiner Schwester zu nehmen, um verstehen zu können, welche Bedeutung Vergangenheit und Familie tatsächlich für ihn haben. Aufgrund jenes Identitätsbetrugs kommt es beinahe zwingend zu Missverständnissen und Fehlschlüssen, die endlich in einer großen Tragödie enden. Was Jan nämlich nicht weiß ist, dass Mutter und Schwester inzwischen zu Serienmördern geworden sind, die ihre Gäste töten, um sie ihres Geldes zu berauben…

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Dem von Albert Camus 1943 im besetzten Paris geschriebenen Stück gelingt es vorzüglich, eine recht banale und unterhaltsame Geschichte zu erzählen und in dessen Rahmen grundlegende Fragen zu Ethik und Lebenssinn zu behandeln. Dass zudem in der unter der Regie von Nikolaus Habjan aufgeführten Fassung im Grazer Schauspielhaus eine weitere Komponente geschickt mit den durch das Original gegebenen Rahmenhandlungen eingefügt wird – das amüsante und faszinierende Spiel mit Puppen – bereichert Das Missverständnis zusätzlich. Jede Skepsis bezüglich dieser zunächst vielleicht unnötig wirkenden Darstellungsergänzung verflog nach kurzer Zeit, da das Puppenspiel nichts von der Faszination der Geschichte wegnimmt, dafür aber das Zusehen und Folgen der Geschichte kurzweiliger und interessanter macht.

Das Bühnenbild ist einfach, aber der Geschichte angemessen gestaltet und die Puppen selbst sind alleine schon aufgrund ihres Aussehens und der damit verbundenen Wirkung den Besuch des Stückes wert. Die drei Darsteller, Florian Köhler, Seyneb Saleh und Nikolaus Habjan, die alle Protagonisten spielen, hantieren zudem höchst vergnüglich und mitreißend mit den Puppen, sodass es bereits nach kurzer Betrachtung beinahe unmöglich scheint, die tatsächlichen Schauspieler, die zu jeder Zeit hinter den Puppen stehen, überhaupt noch wahrzunehmen.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Alles in allem gelingt es dem Stück also sehr gut, Handlung und dahinterstehende Überlegungen in einer geschickten Inszenierung zu kombinieren, ohne eine der beiden Seiten überzustrapazieren oder zu sehr zu vernachlässigen. Am Ende applaudiert man mit zwei dominierenden Gefühlen: mit der Begeisterung über das Puppenspiel und die schauspielerische Darbietung – und mit einer gewissen Ergriffenheit hinsichtlich der ethischen Überlegungen, die besonders am Ende immer deutlicher zu Tage treten. Diesbezüglich bin ich sehr dankbar, dass keine zeitgeistig übermoralisierende Sicht der Dinge die Oberhand gewinnt, sondern im Geiste der gewünschten Selbstreflexion jeglicher Wahrheitsanspruch außen vor gelassen wird.

Weitere Termine finden sich unter folgendem Link:

http://www.schauspielhaus-graz.com/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=21141

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