Albert Camus – Das Missverständnis

Albert Camus ist das Sprachrohr einer Generation vergangener Tage. Die zentrale Thematik seines gesamten Werkes: Die Absurdität des menschlichen Daseins. Nirgendwo kommt diese Lebensanschauung deutlicher zur Sprache als in seiner berühmten essayistischen Arbeit, dem Mythos des Sisyphos. Camus hat diese Schrift – wie eine Vielzahl anderer Werke – unter den Eindrücken des Zweiten Weltkriegs verfasst und damit eingangs benannter Generation eine Alternative gegeben, fern von Weltverfluchung und Gottesklagen: Camus erhob als Grund allen Leids das Absurde. Wie Sisyphos, besiegelt in seinem Schicksal, bis ans Ende seiner Tage dem Sinnlosen nachzugehen, ist auch der Mensch gefangen in seiner Sinnlosigkeit. Das Leben ist nicht rational greifbar: Man kann es nicht verstehen, man muss es akzeptieren.
Als der Krieg zu Ende war, wurde die überlebende Menschheit mit elementaren Fragen konfrontiert und ein großer Teil fand ihre Beantwortung in den Werken ebenjenes Algeriers, den man bis heute als bedeutendsten Existentialisten neben Sartre feiert. Heißt das aber, Albert Camus ist eine Figur der Vergangenheit? Mitnichten. Auch heute noch zählt er – vergleichbar mit Kafka oder Hesse, Joyce oder Salinger – zu jenen Gestalten der Weltliteratur, die besonders eine junge Leserschaft anzusprechen vermögen. Das mag zum einen mit der besänftigenden Wirkung seiner Ideen, zum anderen mit der Verständlichkeit seiner Sprache zu begründen sein. Weiters kann ein nicht-literarisches Argument angeführt werden: Der 1957 (also noch vor Sartre!) mit dem Literaturnobelpreis geehrte Albert Camus verstarb drei Jahre später im Zuge eines Autounfalls. Aufgrund des geringen Alters von 46 Jahren und des schmalen, ungleich bedeutungsvolleren hinterlassenen Oeuvres ist Albert Camus in der Folgezeit zum Mythos avanciert – der er bis zum heutigen Tag geblieben ist.

27505_600_400

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

Am Schauspielhaus Graz wird derzeit eines jener Dramen aufgeführt, deren Entstehungsgeschichte in besagte Zeitspanne 1939 – 45 fällt: 1941 geschrieben, 1944 uraufgeführt zeigt Das Missverständnis eine Parabel, die vor allem auf die Missstände des Zweiten Weltkriegs zurückzuführen ist: Ein verschollener Sohn, der nach jahrelanger Abwesenheit in seine Heimat zurückkehrt, um Mutter und Schwester wiederzusehen – und von diesen unerkannt ermordet wird.
Man hat häufig versucht, diese banale Geschichte als Darstellung heimkehrender Exil-Flüchtlinge zu deuten. Andere Interpretationen sprechen von der verfehlten Kommunikation, der missratenen Verständigung. Und es ist nicht zu verleugnen: Die weltgeschichtlichen Einflüsse auf dieses Werk sind unverkennbar, und dennoch verwehre ich mich dagegen, sie dabei zu belassen. Was hat dieses Drama uns heute, allen voran der einst Camus so verehrenden Jugend zu sagen? Zunächst, dass hier in Gestalt von Mutter und Tochter zwei Menschen gezeigt werden, die rücksichtslose Morde begehen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, leitmotivisch wiederkehrend als die Sehnsucht nach dem blauen Meer. Niemand ist sich der Unrichtigkeit des Begangenen bewusst, denn: „Was man nicht kennt, lässt sich leichter töten.“ Erst die Ermordung des eigenen Sohnes lässt die Mutter umdenken, und zeigt damit auf, was in unserer medialen Gesellschaft lange schon zur Gewohnheit geworden ist: Was nicht betrifft, berührt nicht. Kriegsbilder im Fernsehen stellen Distanz her: Erst sobald der Krieg vor der eigenen Tür tobt, ist der Schrecken greifbar. Man kann diese Idee weiterspinnen oder sogar zurück zum geschichtlichen Ausgangspunkt kehren: Hat schließlich nicht Camus selbst erklärt, er hätte mit diesem Drama den Soldaten des Weltkriegs zeigen wollen, dass ihre Verbrechen niemand so großen Schaden zufügen wie ihnen selbst? Die Mutter (übrigens eine wiederkehrende Figur in nahezu sämtlichen Werken des Philosophen) ist sich dieser Tragik ihrer eigenen Situation bewusst, und findet keinen anderen Ausweg als den Tod – personifiziert als stummer, alter Hausdiener.

27493_600_900

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

All diese Eindrücke nimmt Regisseur Nikolaus Habjan erfolgreich auf, um eine Inszenierung auf die Beine zu stellen, die allen voran von ihrem Einsatz von Habjan selbst entworfener Spielpuppen lebt. Diese Puppen sind ohne menschlichen Ausdruck und verweisen somit zum einen auf das unsagbare Leid, zum anderen auf die Allgemeinheit des Dramas. Das Missverständnis ist nämlich – wie immer bei Camus – kein Werk über Individualisten: Es ist ein Menschheitsdrama.
Ein gut besetztes Schauspielertrio (darunter Habjan selbst) und ein schauriges, zeitgleich fesselndes Bühnenbild (entworfen von Jakob Brossmann) tragen zu der letztlichen Kurzweiligkeit der Aufführung bei.
Weitere Termine, unter folgendem Link angeführt, sind sehr zu empfehlen:

http://www.schauspielhaus-graz.com/stuecke/stuecke_genau.php?id=21141

Und um einen visuellen Eindruck zu erhalten, sei an dieser Stelle noch eine Videovorschau beigefügt:

https://www.youtube.com/watch?v=A51ALgoEW_M

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s