Wie weit darf Trauer gehen? – „Die tote Stadt“

Die erste Premiere dieses Jahres feierte die Grazer Oper mit Die tote Stadt von Erich Wolfgang Korngold. In einer Inszenierung von Johannes Erath, der bereits den Lohengrin in Graz ausrichtete, wird die schaurig traurige Geschichte eindringlich und effektvoll erzählt.

(c) Werner Kmetitsch

(c) Werner Kmetitsch

Erst seine dritte und trotzdem seine wohl berühmteste Oper schrieb der junge Korngold mit gerade einmal 23 Jahren. Der austroamerikanische Komponist ist heute vor allem noch durch seine Vertonungen von Hollywood-Produktionen bekannt, die er aufgrund seiner Emigration in die USA während des Zweiten Weltkrieges an seine klassischen Werke anschloss. Zu seiner großen Oper inspirierte ihn ein Roman von Georges Rodenbach: Das tote Brügge, ein Paradewerk des französischen Symbolismus. Die Idee des Buches, aus Sinnbildern und symbolhaften Einzelheiten eine idealisierte, surreale Welt zu erschaffen, um der Wirklichkeit zu entfliehen, findet sich auch in der Oper wieder.

„Brügge und ich, wir sind wie eins“, heißt es gleich im ersten Akt vom Protagonisten Paul, „wir beten beide schönstes an: Vergangenheit.“ Der reiche Mann hat sich nach dem Tod seiner geliebten Frau Marie in diese einstige Blütestadt des Nordens zurückgezogen, um in nostalgischer Atmosphäre in der Erinnerung an seine große Liebe zu leben. Doch ein Schicksalsschlag weht ihm (in der Inszenierung buchstäblich) eine neue Frau ins Haus: die Tänzerin Marietta, die seiner Marie bis aufs Haar gleicht. Gefangen in seiner Welt von Phantomen, die ihn auf der Bühne auch in realen Gestalten heimsuchen, versucht er in Marietta die Verstorbene wiederzufinden, erwartungsgemäß vergeblich, bis die Geschichte in einem Mord endet. Im Gegensatz zum Roman wird in der Oper die Begegnung von Paul mit der Tänzerin als Traum dargestellt, sodass der Mord an Marietta ihm endlich die Kraft gibt, dem Bann des Todes zu entfliehen und Brügge zu verlassen.

(c) Werner Kmetitsch

(c) Werner Kmetitsch

Die Musik von Erich Wolfgang Korngold wechselt immer wieder zwischen heftig und eindringlich zu fast kitschig melodiös. Arien wie Glück, das mir verbleib stechen aus dem durchkomponierten Werk hervor und entführen den Zuhörer mit Leichtigkeit in Pauls Traumwelt der Vollkommenheit. Das Orchester unter Dirk Kaftan begleitete vielseitig durch den Abend, übertönte an den leisen Stellen aber leider zuweilen den Gesang. Als trauernder Paul war Zoltán Nyári zu hören, der kurzfristig für Johannes Chum einsprang. Dem ungarischen Tenor lagen vor allem die zarten Melodien, sang er in den dramatischen Momenten doch etwas zu inbrünstig. Schauspielerisch überzeugte er wie auch seine Haushälterin Birgitta, verkörpert von Dshamilja Kaiser, auf ganzer Linie. Als „Wiedergeburt der Liebe“ Mariette war Gal James besetzt, die erst im Tode ihre Rolle der Marie erfüllen kann: „Und jetzt gleichst du ihr ganz.“ Besonders gekonnt zeigte sich an diesem Abend Ivan Oreščanin, der in einer Doppelrolle die Vielfältigkeit seines Baritons unter Beweis stellen konnte.

Zur Kurzweiligkeit des Abends trug vor allem die gut durchdachte Inszenierung des Werks bei. Der Bruch zwischen Vision und Wirklichkeit ist durch einfache Mittel sehr effektvoll gestaltet und unterstützt die Wendungen in der Musik, ohne diese zu übertönen. Verzerrungen in den Konturen des Bühnenbilds, ruhige Wasserspiele und verdrehte Spiegelungen lassen die Gedanken von Paul eine sicht- aber nicht greifbare Form annehmen. Immer wiederkehrende Gegenstände veranschaulichen die Illusion, in die sich der Trauernde verrannt hat. Auch wenn vielleicht nicht alle präsentierten Symbole dem allgemeinen Verständnis des Publikums zugänglich waren, so konnte das Gesamtkonzept doch eindeutig überzeugen.

Die Premiere dieser selten zur Aufführung gebrachten Oper war die letzte der inzwischen ehemaligen Intendantin der Grazer Oper Elisabeth Sobotka. An dieser Stelle ein Dank für viele schöne Abende in ihrem Haus, die wohl noch vielen in Erinnerung bleiben werden.

Informationen und weitere Termine zur Oper unter:
http://www.oper-graz.com/stueck.php?id=20893

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