Ein langatmiger Bruckner – Orchesterkonzert im Musikverein

Zu Beginn dieser Woche statteten die Wiener Symphoniker dem Grazer Musikverein einen Besuch ab. Unter der Leitung des Dirigenten Jonathan Nott spielten sie ein Violinkonzert von Béla Bartók sowie die Urfassung der dritten Symphonie Anton Bruckners.

Im ersten Teil des Konzertes war das moderne Violinkonzert Bartòks zu hören. Das 1908 entstandene Werk kam erst 50 Jahre später zur Aufführung, ist inzwischen aber immer wieder in den Konzertsälen der Welt zu hören. Der eigenwillige Klang wirkte auf den Zuhörer, der mit der Musik des ungarischen Komponisten nicht vertraut ist, seltsam unstrukturiert und konnte damit nicht die Ohren fesseln. Als Solistin war die norwegische Geigerin Vilde Frang zu hören, die den Tönen mit ihrem Instrument noch ein bisschen Spannung einhauchen konnte. Während sie im ersten Teil noch ganz für sich zu spielen schien, gab sie sich in den folgenden Sätzen fast extrovertiert. Als gewagte Zugabe ließ sie ein Volkslied aus ihrer Heimat erklingen, das sehr an den Grenzen der Tonalität angesiedelt war.

Jonathan Nott (c) Thomas Müller; www.wienersymphoniker.at

Jonathan Nott (c) Thomas Müller; http://www.wienersymphoniker.at

Die Vorfreude auf den zweiten Teil des Konzertes wurde leider schon mit dem ersten Satz enttäuscht. Jonathan Nott hatte für die Aufführung die sehr selten gespielte Urfassung dieser Symphonie gewählt. Als Bruckner sein Werk 1873 vollendete, präsentierte er es seinem großen Vorbild Richard Wagner, da er sie ihm zu widmen wünschte. Nach einem trinkreichen Abend der beiden musikalischen Großköpfe willigte Wagner ein, vielleicht auch, weil er Motive aus seinen eigenen Opern in Bruckners Werk wiedererkannte. Die Urfassung selbst brachte Bruckner selbst aber nie auf die Bühne: Zweimal sollte er seine Komposition bis 1888 überarbeiten, indem er vor allem Kürzungen vornahm. Die originale Fassung wurde erst nach seinem Tod rekonstruiert. Der Brite Nott, der die vorgeführte Version auch schon mit den Bamberger Symphonikern einspielte, scheint ein großer Anhänger dieses Originals zu sein. Für mich, die ich Bruckners Dritte in seiner zweiten und dritten Fassung gut kenne, war die Wahl des Dirigenten nicht ganz nachvollziehbar. Das Werk besticht vor allem durch seinen starken Beginn, bei der die Klänge wie aus dem Nichts zu kommen scheinen. Zumindest das haben alle drei Versionen gemein, doch schon der Rest des ersten Satzes wirkt in der Urfassung unnötig aufgeblasen und ausgedehnt. Dies erreichte im Finale seinen Höhepunkt: Unzählige Fermate und Generalpausen lassen den Satz zerpflückt und unzusammenhängend erscheinen. Vielleicht ist es nur eine persönliche Meinung, aber die wunderbare Vielfältigkeit Bruckners Musik schien sich durch diese Präsentation in einzelnen Bruchstücken nicht zu einem großen Ganzen fügen zu können. Die Wiener Symphoniker glänzten an diesem Abend natürlich und erfüllten alle hohen Erwartungen, die mit ihrem Namen einhergehen. Wie aus einem Guss folgten sie den Anweisungen ihres Dirigenten und zauberten einen warmen Klang in den Stefaniensaal. Vor allem die Bläser seien hier hervorzuheben, die ihre Motive immer mit Präsenz, nie aber mit unnötigem Prunk präsentierten.

Trotzdem:„Die Musik hat nicht berührt“, war nicht nur die Meinung meiner Person am Ende des Konzerts. Seine Arbeit immer verbessern zu wollen, sehe ich als löbliches Ziel, und da Bruckner die Bearbeitungen seiner Symphonie ja selbst vorgenommen hat, vertraue ich darauf, dass er seine Kürzungen als Änderung zum Guten betrachtete. Aber wie so oft: Es bleibt Geschmackssache, und zum Glück!

Informationen zu den Konzerten des Musikvereins:
http://musikverein-graz.at

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