Premiere: „Die tote Stadt“ oder „Wenn Sehnsucht zum Albtraum wird…“

Erich Wolfgang Korngolds Oper Die tote Stadt, basierend auf Georges Rodenbachs Roman Das tote Brügge, an der Oper Graz entpuppt sich als kurzweiliges, modernes Verwirrspiel, das ohne viel Kitsch auskommt und ein zufriedenes Publikum hinterlässt. 

Plot: Paul sieht sich drei Frauen gegenübergestellt – seiner Lebensgefährtin Brigitta, seiner verstorbenen Liebe Marie und der Tänzerin Marietta. Pauls Freund Frank besucht ihn und ist irritiert von Pauls abgöttischer Verehrung von Marie, wo er doch eine Frau hat. Paul gibt sich immer mehr seinen Wunschvorstellungen hin, zu denen ihn auch Marietta beflügelt, die Marie so ähnlich sieht. In seiner Traumwelt gipfelt das Hin- und Her zwischen Marie und Marietta im Verschwinden beider und Paul erwacht – verwirrt, aber bereit alles hinter sich zu lassen.

(c) Werner Kmetitsch

Die durchkomponierte Oper, 1920 uraufgeführt, besticht durch unkonventionelle und vielschichtige Musik und lässt viel Einblick in die Gefühlswelt der Protagonisten zu. Stark ist der 3.Akt, der nicht nur musikalisch beeindruckt, sondern an der Oper Graz auch filmähnlich inszeniert ist. Ein Chor begleitet im Hintergrund die Solisten und führt zu einem Finale, das zu einem Albtraum mit Ebenbildern (von Marie und Paul) hochstilisiert wird. Die Solisten sind beachtlich, herauszuheben ist hier die Sopranistin Gal James in der Doppelrolle Marietta/Marie. Als Marie sanft und hochklingend, fordert sie als Marietta stimmgewaltig die Attribute dieser Figur ein. Zoltán Nyári als Paul spielt überzeugend, gesanglich überschlägt sich sein Tenor in lauten Passagen – dies ist aber auf die Schwierigkeit seines Parts zurückzuführen.

In den ersten beiden Akten erschien das Orchester im Vergleich zu den Solisten zu laut – dies lässt sich auf das Bühnenbild zurückführen, das einiges an Stimmvolumen schluckte. Dieses Bühnenbild ist eindrucksvoll und klar strukturiert und die Oper spielt, durch eine wuchtige Treppe getrennt, auf zwei Ebenen. Gelungen eingesetztes Licht und zusätzliche Elemente wie Wasser oder Spiegel unterstreichen die Weiten der (Alb-)Traumwelt des Paul. Sehr schön sind die Kostüme, sie sorgen mehr als einmal für Verwirrung, vor allem da sich alle weiblichen Hauptfiguren und ihre Ebenbilder bis aufs Haar (sic) gleichen.

(c) Werner Kmetitsch

Die Problematik des Nicht-Loslassen-Könnens ist zentral in Die tote Stadt – die Sehnsucht nach dem Verlorenen nimmt Überhand und lässt die Wirklichkeit verblassen. Die Stadt Brügge ist Pauls Alter Ego, sie lebt von den Erinnerungen und steht für die Zwiespältigkeit ebendieser. Man kann in ihnen Heimat finden oder auch in einem selbstgezimmerten Gefängnis in Form von Gedanken festsitzen. Das Ende gestaltet sich für Paul aber positiv; sein Beschluss, die tote Stadt Brügge zu verlassen, ist ein Akt der Befreiung – nicht nur von den Toten sondern auch von Erwartungen und Konventionen.

Anmerkung: Dies ist Elisabeth Sobotkas (scheidende Opernintendantin) letzte Produktion an der Oper Graz.

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