„Die tote Stadt“ – Nomen est omen

Am zweiten Wochenende nach der Premiere in Graz hielt sich die Begeisterung für die durchkomponierte Oper Die tote Stadt von Erich W. Korngold deutlich in Grenzen.

Schauplatz Brügge. Protagonist Paul kommt nicht über den Tod seiner geliebten Frau Marie, die er wie eine Heilige verehrt, hinweg. Seine einzige Stütze im Leben sind seine Haushälterin Brigitta und sein treuer Freund Frank. Als Paul der mondänen und verführerischen Tänzerin Marietta begegnet, die Marie zum Täuschen ähnlich sieht, fällt er in einen Zustand der Verzauberung und des Wahnsinns. Dieser gipfelt in der Ermordung Mariettas, bis Paul bemerkt, dass er dies bloß geträumt hat. Nach dieser Erkenntnis fasst er den endgültigen und ihn rettenden Entschluss, Brügge für immer zu verlassen: „Ein Traum hat mir den Traum zerstört… fort aus der Stadt des Todes!“

Tote Stadt 1

(c) Werner Kmetitsch

Äußerst gelungen sind die effektvollen Spiele mit Licht und Schatten; selten wurden diese so eindrucksvoll und auffallend eingesetzt. Auch das Bühnenbild ist besonders eindrücklich gestaltet und wirkt nicht monoton, obwohl es sich im Laufe der drei Akte nicht grundlegend verändert. Insbesondere die beweglichen Holztreppen, die in unbekannte höhere Sphären führen, verleihen Pauls Phantasien und Träumereien ein passendes räumliches Setting.

Diese versetzten Spielebenen wirken zwar gut im Gesamtbild, doch leidet darunter sehr die Akustik. Das starke Orchester unter der Leitung von Dirk Kaftan übertönt über weite Strecken die Solisten vollkommen, vor allem im ersten Akt. Ansonsten ist die instrumentale Begleitung durchaus stimmig und schwankt zwischen pompösen Einsätzen und melancholischen, filmmusikähnlichen Arrangements.

Bei den gesanglichen Darbietungen der Sänger und Sängerinnen herrschen gemischte Gefühle. Wie gewohnt meisterte Ivan Oreščanin seinen Part als Frank mit brillanter Baritonstimme und souveräner Präsenz. Zoltán Nyári, in der Hauptrolle des Paul, ist hingegen eine teilweise unkontrollierte und brüchige Stimmführung nachzutragen. Erst gegen Ende stellte er seine gesangliche Kraft unter Beweis. Gal James‘ Sopranstimme in der Rolle der Marietta wirkte stellenweise etwas monoton und platt. Xiaoyi Xu hatte als Lucienne nur einen kurzen, dafür umso überzeugenderen Auftritt. Dshamilja Kaiser verkörperte bravourös, aber leider mit wenigen gesanglichen Parts ausgestattet, Pauls Haushälterin Brigitta.

Ungefähr zur Halbzeit gewinnt das Stück an Tempo und hat auch optisch mehr zu bieten. In der Spektakel- und Tanzszene sorgt ein Potpourri an Figuren (darunter Dracula, Marilyn Monroe, ein halbnackter Gondelführer und Pierrot) für Abwechslung, aber auch für etwas Chaos. Die unzähligen Doppelgänger und -innen sowie Quiproquos stiften ebenso Verwirrung.

Tote Stadt 2

(c) Werner Kmetitsch

Unklar bleibt des Weiteren, wer Marie nun als Doppelrolle verkörpert – Marietta oder Brigitta? – und welchen Zweck gewisse zusätzliche Elemente und Figuren erfüllen sollten. Eine auf einem überdimensionalen Kreuz sitzende, eingeölte Figur „segnet“ teilnahmslos das Geschehen auf der Bühne und wirkt in erster Linie geschmacklos, eine Relevanz für das Stück ist nicht ersichtlich.

Ungewöhnlich war, dass nicht nur etwas fürs Auge und die Ohren geboten wurde. Auch die Nase der Zuschauer kam zum Zug, als ein kleiner Junge der Statisterie als Ministrant den gesamten Opernsaal in Weihrauch hüllte.

Durchkomponierte Opern sind per se keine leichte Kost. Durch das Fehlen von Dialogen und oft auch von Rezitativen können derartige Stücke mühsam werden. Es obliegt somit der Inszenierung, für Abwechslung und Leichtigkeit zu sorgen. Summa summarum wurde der ansonsten stilsichere Johannes Erath dieser Aufgabe nicht gerecht. Seine Inszenierung von Die tote Stadt konnte das – verhältnismäßig spärliche – Publikum nicht wirklich begeistern. Dass bereits während des (kurzen) Schlussapplauses gar nicht wenige Zuschauer den Saal verließen, spricht wohl für sich… „Tot“ an diesem Abend war nicht nur Brügge.

Weitere Informationen zum Stück und zu weiteren Vorstellungen

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