Die Liebe, ein kryptisches Kreuzworträtsel

Duncan Macmillans Stück Atmen auf der Probebühne Graz thematisiert die Hochs und Tiefs der Beziehung zweier Endzwanziger. Sie, belesen und pessimistisch an ihrer Diplomarbeit schreibend, und er, ein übermütiger und Luftschlösser bauender Musiker, sprechen über Nachwuchs und Gutmenschendasein und müssen erkennen, dass sich ihre gemeinsame Zukunft anders entwickelt als erwartet.

„Ein BABY?!“ – „Ja, warum nicht?“ – so beginnt Atmen unter der Regie von Sam Brown; lautstark, sie schockiert und nach Atem ringend während er glückselig lächelt, vorerst. Diese Szene ist symptomatisch für die Schilderung DES Dilemmas menschlichen Zusammenlebens – der Kommunikation. Das Reden, Zuhören, Verstehen und Ignorieren innerhalb einer Paarbeziehung steht im Mittelpunkt. In dieser Gesprächskultur fühlt man sich ertappt, die eine oder andere Aussage hat man selbst schon einmal gehört oder gar verwendet. Doch die beiden beschäftigen sich auch mit globalen Themen wie dem ökologischen Fußabdruck oder der Wasserverschwendung, die mit dem Kinderkriegen zusammenhängen. Kleine und große Herausforderungen werden heraufbeschwört, zerpflückt, ausgereizt.

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(c) Lupi Spuma

Der wahre Clou des Stücks sind die Zeitsprünge zwischen den Konversationen, die unregelmäßig, aber so überlegt eingesetzt sind, dass man nie den Faden verliert. Dies ist den Darstellern zu verdanken, die nie gegeneinander sondern miteinander agieren, man nimmt ihnen die Probleme, das Glück und den Schmerz jederzeit ab. Verena Lercher ist wortgewaltig in ihren utopischen Ausführungen und herrlich als hysterische Schwarzmalerin. Großartig spielt Jan Gerrit Brüggemann, der nicht nur seiner Partnerin die Stirn bietet, sondern mit gezielt eingesetzten Bewegungen die Gefühle seiner Figur überzeugend wiedergibt.

Ein mit Rindenmulch bedeckter Boden und ein Waldhintergrund, der von den Darstellern stetig mit weißer Farbe übertüncht wird, stellen das Bühnenbild dar. Dieses ‚Weißeln‘ wirft Fragen auf – man könnte meinen, das Paar sieht mit jedem Streit, jeder Aussprache der Gefühle ein Stück klarer, aber gleichzeitig verblassen die (gem-)einsamen Wunschträume. Eine Stimme im Hintergrund erzählt über Wachstum und Errungenschaften der Menschheit, sie verstummt als die Probleme des Paares existentiell werden.

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(c) Lupi Spuma

Wesentlich sind Fragen nach der Berechtigung des Daseins und ob man überhaupt ein Kind in diese Welt setzen kann bzw. soll, denn man trifft nicht nur eine Entscheidung für sich selbst, sondern auch für jemand anderen. Der gute Mensch steht im Mittelpunkt und was ihn zu einem macht; sind es die allgemein umfassenden Themen, die man einbeziehen muss oder doch die eigene Bereitschaft und Erkenntnis, man sei für den nächsten Schritt bereit? Und wer übernimmt die Verantwortung, wenn die Wirklichkeit die Theorie übersteigt?

Ein starkes Stück über die große Liebe mit einem Ende, das bedrückend und schön zugleich ist. Sehr sehenswert!

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