Viva Vivaldi!

Ein berühmtes Bonmot besagt, Antonio Vivaldi habe gar nicht 344 Solokonzerte komponiert; er hat bloß ein Solokonzert komponiert, und das 344-mal. Ob diese pointierte Bemerkung nun zuerst dem Russen Strawinsky oder dem Italiener Dallapiccola in den Sinn gekommen ist, darüber scheiden sich die Geister. Fest steht: Welches musikwissenschaftliche Werk man auch heranzieht, immer wieder wird man auf die wiederkehrenden Strukturen und Grundmuster, Formen und Aufbauschemata in den Kompositionen Vivaldis verwiesen. Doch wird man dem großen Barockgeist tatsächlich gerecht, ihn einen Bolero unter den Komponisten zu schimpfen?
Am 10. Februar bot der Grazer Musikverein Gelegenheit zur Stichprobe. Und dieses Angebot verlief durchaus nicht ohne jede Reibung. Was lief nicht alles schief an diesem Abend? Von einem verschwundenen Notenheft des Sologeigers Guiliano Carmignola bis zu einer gesprungenen Saite des Lautisten. Dennoch war keiner der Musiker aus der Ruhe und dem Konzept zu bringen. Und der Abend wurde zum Fest.

Giuliano-Carmignola-2011

Giuliano Carmignola (c) Anna Carmignola

Vivaldis Sinfonie für Streicher und Basso continuo in C-Dur und sein Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo waren das Vorspiel. Sie bauten die erste Hälfte des Abends aus, ließen Carmignola sein Können in mehreren beeindruckenden Soli unter Beweis stellen. Und doch kam jenes Kunstwerk, unter dessen Namen dieser Abend stand, erst nach der Konzertpause zum Zuge: Das wohl berühmteste Barockwerk der Musikgeschichte: Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten.
Manch Freund der hohen Kunst mag einen gewissen Hochmut gegenüber jene musikalischen Berühmtheiten verspüren, die unserer westlichen Gesellschaft von Kindesbeinen an einverleibt werden: Sei es das pochende Schicksalsmotiv in Beethovens Fünfter, das erhabene Strömen der Moldau bei Smetana oder auch die wuchtige Anrufung Fortunas in den Orffschen Carmina Burana. Ähnliches gilt für den Auftakt in Vivaldis musikalischem Jahreszyklus: Der Frühling könnte mit kaum vertrauteren Tönen erblühen. Und doch ist er mit seinen trillernden Vogelgesängen und murmelnden Quellen ein Wunder der Natur. Ähnlich der zweite Satz des Frühlingskonzertes: Ein Hirte schläft, raschelndes Laub, die herrlichste Harmonie – wäre da nicht das Bellen eines Hundes, vorgetragen von der Bratsche. Doch selbst diesen Stimmungsbruch möchte man Vivaldi verzeihen, ist die Melodie doch zu betörend.
Im Sommer ist es vor allem das Gewitter des ausgehenden zweiten Satzes, das die Hörenden zu fesseln und verzaubern vermag. Wie könnte man auch der Brisanz dieser gottgleichen Augenblicke entfliehen? Der Herbst lockert auf: Getanzt und getrunken wird, schließlich geschlafen. Im Winter werden uns tänzelnde Schneeflocken und klappernde Zähne vor unser geistiges Auge geführt. Auch hier tobt ein eisiger Sturm: Das Tempo und die Energie beeindrucken dabei nicht weniger als in der sommerlichen Jahreszeit.

(c) Anna Carmignola

Giuliano Carmignola (c) Anna Carmignola

Und plötzlich ist der Augenblick eingetreten: Der letzte Ton verstummt und wird von tobendem Applaus abgelöst. Carmignola und seine Begleiter lassen sich feiern. Sie holen aus zu einer Zugabe: Der sommerliche Sturm. Schüchtern gefragt: Wäre das notwendig gewesen? Oder etwas mutiger: Sind Zugaben überhaupt notwendig? Wenn sie klug gewählt sind, allemal! Aber nach einem abgeschlossenen Zyklus von so herrlicher Vollkommenheit einen Bruchteil des Ganzen zu entwenden und noch einmal zum Erklingen zu bringen, damit lässt sich manch erhabene Stimmung in kürzester Zeit verderben. Wann erleben wir einmal den Musiker, der nach einem virtuos interpretierten Werk das Instrument niederlegt, sich vom Publikum bejubeln lässt und auf eine letzte Schlusspointe in Form einer willkürlich gewählten Zugabe verzichtet? Meine Sympathie wäre ihm gewiss.
Und trotzdem ist es mir ein Anliegen, den Kreis zu meinem Eingangslob zu schließen: Der Abend war kurz und kurzweilig, er bot Stimmungen mannigfacher Ausprägung und hat gezeigt, was ein gelungener Konzertabend zeigen muss: Den Komponisten, und noch einmal den Komponisten. In unserem Falle war es Antonio Vivaldi. Und diesen konnte man von seinen allerschönsten Facetten erleben. Ein herzliches Dankeschön hierfür, Signore Carmignola! Beglücken Sie uns ein erneutes Mal!

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