Otello, nicht Jago. Schade eigentlich…

Der schwarzhäutige Feldherr Otello liebt seine Desdemona über alles – bis Jago, sein übergangener rachsüchtiger Fähnrich, in ihm heftige Eifersucht schürt, die Otello Desdemona ermorden lässt und ihn schlussendlich in den Selbstmord treibt. Dieser Plot des Shakespeare-Stücks Othello ist mehr als bekannt, Verdi vertonte diesen Klassiker als seine vorletzte Oper, uraufgeführt 1887 in Mailand.

Der Fokus dieser Oper liegt auf der Musik, und Dirk Kaftan schafft es zusammen mit dem Opernorchester Graz, genau das hervorzuheben. So ist im 4.Akt, wenn Otello Desdemona in ihren Gemächern aufsucht, aufgrund der prägnanten musikalischen Einsätze glasklar, welches Ende wartet. Auch, weil die SängerInnen nur teilweise glänzen können, sticht die Musik so hervor – Kristian Benedikt als Otello singt gut, vor allem wenn er den Verzweifelten mimt. Die Liebesduette mit Gal James (Desdemona) sind wenig überzeugend. Ivan Inverardis Bariton skizziert den rachsüchtigen Jago im Credo grandios, wirkt sonst aber blass. Der Rest des Ensembles ist stark, gerade James brilliert im 4.Akt. Die am besten gesungene Stelle findet sich im 2.Akt, wenn die 4 Hauptfiguren gemeinsam gegeneinander singen – Otello bereits an Desdemona zweifelnd, Jago seiner Frau Emilia siegessicher das Taschentuch Desdemona’s entreißend, Desdemona verwirrt wegen des unwirschen Handelns Otello’s und Emilia gegen ihren Gatten kämpfend, da sie das Unheil ahnt. Dieses harmonische Gegeneinander lässt einen intensiven Blick in das Innere der Figuren zu.

Das Bühnenbild erinnert an das Fegefeuer und wirkt mit seiner Guckkasten-ähnlichen Einrahmung einengend. Zusammen mit Effekten wie der senkenden Decke unterstreicht es vor allem Otello’s Kampf mit sich selbst. Die Kostüme sind typisch venezianisch, einzig Jago sticht heraus – er trägt ein buntes Narrenkostüm, das von seiner skrupellosen, schwarzen Seele ablenken soll.

Im Gegensatz zur Vorlage spielt die Religion bei Verdi und dieser Inszenierung eine große Rolle, sei es mit schwingendem Jesuskreuz, dem höllischen Bühnenbild oder der Zeremonieszene zu Ehren Desdemonas stets erwähnter Reinheit. Erfrischend ist, dass die Hautfarbe Otellos kaum erwähnt wird und andere Aspekte die Handlung definieren, denn die Eifersucht bleibt, wie auch in ihrer Vorlage, der Motor für Motive und Handlungen. Verdis Musik unterstreicht aber nochmals den Unterschied zwischen Jagos und Otellos Eifersucht. Während Jago unglaublich intrigant und skrupellos handelt und dabei nie sein Ziel aus den Augen verliert, ist Otello in seinem Tun impulsiver und unüberlegter, was auch zur Ermordung seiner Liebsten führt. Dass am Ende der Gute zum Mörder wird, macht Jago zur treibenden Figur dieser Oper, er hat die Fäden in der Hand und manipuliert auf höchster Ebene – dieses Böse, ohne Gewissensbisse und Angst, ist faszinierend.

Eigentlich sollte diese Oper den Titel Jago tragen – doch selten ist der Bösewicht titelgebend, egal wie handlungstreibend und interessant er ist.

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