Das Schauspielhaus gibt’s nicht mehr.

Dem Stück COMMUNITY eilt einiges voraus, einiges echot nach. So wird vorher schon gemunkelt, dass, wenn man im Parterre sitzt, eine Umarmung im Eintrittspreis inkludiert ist. Holt man die Tickets an der Theaterkasse ab, wird einem empfohlen, schon um 19:00 statt erst zu Beginn um 19:30 zu kommen, denn im Foyer gehe es „schon ein Bisserl los.“ Auch nicht zu überhören waren Lob und Begeisterung für vorherige Stücke der Regisseurin Yael Ronen im Schauspielhaus wie Niemandsland oder Hakoah Wien und ihre Vorliebe für das prozessartige, gemeinschaftliche Schaffen eines Theaterstückes. Denn die Schauspieler_innen sind gleichzeitig auch Drehbuchautor_innen und wirken aktiv an der Entstehung des Stückes mit. So viel also vorab.

Dann geht es los und nicht nur „schon ein bisserl“ im Foyer, sondern auch auf der Bühne, die nun für alle zugänglich ist, nachdem das Schauspielhaus 2018 nach zugespitzten wirtschaftlichen Umständen und damit einhergehenden Wohnungsräumungen und extremer Arbeitslosigkeitsrate besetzt worden ist. Das Schauspielhaus gib’ts nicht mehr. Dort, wo die Bühen war,  ist ein gemeinschaftlicher, zusammengestückelter Wohnraum zu sehen, zusammengestellt aus dem Fundus des Schauspielhauses – alles, was man eben nach der Besetzung zur Verfügung hatte. Auch nicht zu vernachlässigen ist natürlich der Einblick, den man in das Hinterleben der Bühne bekommt. (Welches einem möglicherweise von Motel schon ein wenig bekannt vorkommt. Überhaupt schlägt Community in ähnliche Kerben wie Motel und diese Vermutung liegt auch von der Besetzung her nicht fern: Es gibt viele Überschneidungen zwischen den Schauspieler_innen bei Motel und denen bei Community – fast so als würde es hier eine kleine Gruppe von Schauspieler_innen schaffen, ihre Ideen, Leidenschaften und Interessen auf die Hauptbühne des Schauspielhaus zu projizieren. Schön.)

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(c) Lupi Spuma

Nach diesem unkonventionellen Beginn bestätigt sich eine Vermutung: es geht unkonventionell weiter. Der Humor, könnte man meinen, steht an oberster Stelle. Aber darunter liegt ein cleveres, ironisches Schauspiel von politischer, zeitgenössischer Realität. Wo man nun persönlich einhakt in diese bunte und gleichermaßen düstere Geschichte bleibt einem offen. Die inhaltliche Farbpalette reicht von Revolte, über das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen, über kaputte Systeme, über das Schauspieler_innen-Dasein, bis hin zu unkonventionellen Theaterformen. Was davon für jede_n bleibt, ist wohl ein reizvoller Gedanke, eine begehrenswerte Idee zum Mitheimnehmen, Anfreunden, zum heimlich Weitergeben bei der nächsten Umarmung.

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(c) Lupi Spuma

Vielleicht sollte man nicht von Mut sprechen müssen, man tut es aber doch. Mutig stellen Yael Ronen & Company ein Szenario auf, das wohl vielen aufstößt. (Nicht ausschließlich nur den grau melierten Hinterköpfen im Theater, die, wie Birgit Stöger bei einer kurzen Szene am dritten Rang bemerkt, zahlreich anwesend sind.) Die Schauspieler_innen spielen sich selbst: Birgit Stöger ist Birgit Stöger, Katharina Klar ist Katharina Klar, ein brillanter Sebastian Klein ist ein brillanter Sebastian Klein, Michael Ronen ist eine Katze und Michael Ronen. Sie alle zeigen sich bereit, die Dinge, wie sie sind, nicht als unveränderbar anzusehen. Sie machen einen Schritt vor und gewinnen dadurch den nötigen Abstand, um aus dem undynamischen Einheitsbrei herauszutreten. Sie scheinen bereit zu erkennen, dass doch hie und da etwas ein bisschen hinkt. Noch viel wichtiger: sie setzen ein Zeichen, um darauf aufmerksam zu machen. Und das alles auf der Hauptbühne im Schauspielhaus zu präsentieren, sollte nicht mutig sein, ist es aber doch, denn das Stück wird wohl von vielen gesehen, die diese Ansichten nicht teilen. Jedenfalls sollte dieses Stück von Vielen gesehen werden.

Weitere Vorstellungen, die bedenkenlos gleich ins Notizbüchlein übertragen werden können, finden am 3., 13. & 14. März sowie am 2. & 16. April statt.

Ein lesenswertes Interview mit Yael Ronen und Michael Ronen findet man hier.

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