Intensive Tonmalerei im Musikverein

Unter dem Titel Avantgarde um 1915 präsentierten vier Musiker um den Pianisten Alexander Lonquich ein französisch russisches Programm vom Beginn des letzten Jahrhunderts. Der leider nur mäßig gefüllte Stefaniensaal durfte mit Werken von Debussy, Ravel und Strawinskij ein buntes Spektakel erleben.

Wären Debussys Préludes pour piano ein Bild, könnten sie wohl so aussehen:
P1120383 Ein bisschen wirr? Vielleicht, aber wenn man genau hinsieht beziehungsweise hört, erkennt man doch lauter spannende Details. Der große Meister Alexander Lonquich schien alle Geheimnisse dieser Sammlung kurzer Stücke zu kennen. Auswendig präsentierte er die technisch wie musikalisch anspruchsvollen Stücke, als hätte er alle Zeit der Welt. Trotz dieser Leichtigkeit wurde sein Spiel nie einseitig und vermittelte beim ersten wie beim letzten Ton die gleiche Eindringlichkeit.

Dem folgte das berühmte Sacre du Printemps, allerdings nicht in der Orchesterfassung sondern am Klavier zu vier Händen. Unterstützt von Christina Barbuti gelang es Lonquich erneut, eine ganz neue aber nicht minder spannende Atmosphäre zu schaffen. Die vielschichtige Musik des russischen Revoluzzers weiß auch über hundert Jahre nach seiner Uraufführung noch zu verwundern, gab es doch kaum je einen größeren Skandal als jenen dieses Ballets von 1913. Die zum Teil fast aggressive Kraft der Musik ist nur zu leicht auf den Zuhörer übertragbar, es bleibt ihm jedoch selbst überlassen, sie ins Positive oder Negative zu wandeln. Als hätte der Komponist sich beim „Malen“ seines Stückes nicht für eine Farbe entscheiden können, klingt es oft, als würde er Pinselstriche in allen (Farb-)Tönen ziehen. Die Kunst daraus schließlich doch ein Meisterwerk zu machen, liegt wohl im starken Rhythmus, der allem eine Kontur zu verleihen scheint. Die zwei Künstler vermittelten die Kraft des Werkes, ohne selbst je in Hektik zu verfallen. Sie zeigten, wie man sich ein Klavier ohne Einbußen teilen kann, und sich nicht physisch berühren muss, wenn man es auch sphärisch mit der gemeinsam erschaffenen Musik tun kann.

Alexander Lonquich

Alexander Lonquich ; (c) http://www.chigiana.it

Im zweiten Teil war wieder Französisches zu hören: Maurice Ravels Klaviertrio in a-Moll. Es entstand im Jahr 1914, ein Jahr, das neben diesem berührenden Werk noch viele düstere Kapitel schreiben sollte. „Ja, ich arbeite, und mit der Sicherheit und Hellsicht eines Verrückten. Aber währenddessen arbeitet der Trübsinn auch, und plötzlich breche ich über meinen ganzen B-Vorzeichen in Tränen aus!”, schreibt Ravel an einen Freund und erfasst damit die produktive Verzweiflung seiner Musik. Schon mit dem ersten Ton beginnt das Klavier mit einer unglaublichen Intensität, ohne große Lautstärke einsetzen zu müssen. Auch Violine (Carolin Widmann) und Cello (Nicolas Altstaedt) setzen mit derselben Konzentration ein und wechseln sich mit dem Partner an den Tasten in der zarten Melodieführung ab. Im zweiten Satz haben die zwei jungen Musiker die Gelegenheit ihre spielerische Virtuosität auszuleben, bevor im dritten Satz die große Mutlosigkeit ausbricht. Das Finale des Trios hat viel Gehämmertes vom Klavier und viel Trillerndes von den Saiten zu bieten, bis der innere Kampf zu einem etwas lauen Abschluss kommt. Trotzdem, der Geist ist beschwingt und es bleibt, sich für einen mitreißenden Abend zu bedanken.

Informationen zu weiteren Konzerten des Musikvereins unter:
http://musikverein-graz.at

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