Existentialismus und Heimatutopie in „Das Missverständnis“

Albert Camus Bühnenstück packend und innovativ inszeniert unter der Leitung von Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan im Schauspielhaus Graz

Jan kehrt nach 20-jähriger Abwesenheit in sein Heimathaus zurück, das von seiner Mutter und Schwester als Gästehaus geführt wird. Er präsentiert sich aber als Unbekannter, um sich langsam „vorzutasten“. Doch sein emotionsgetriebener Wiederfindungsprozess kann mit der Misere der beiden Frauen nicht harmonieren….

Was ist Heimat? Was, wenn das einst Vertraute auf einmal „fremd“ ist? Der französische Schriftsteller, Dramaturg und Philosoph Albert Camus widmete sich in Das Missverständnis der in seinen Werken rekurrierenden Thematik der Heimat und Fremdheit (die beispielsweise auch in seinem Debutroman Der Fremde von zentraler Bedeutung sind). Das Stück entstand 1944 in der Zeit der deutschen Belagerung in Paris; Camus verarbeitete darin seine Enttäuschung über Europa („Meine Geduld für Europa ist erschöpft“) sowie seine daran gekoppelte Sehnsucht nach seinem Heimatland Algerien.

Als Vertreter des Existentialismus sah Camus im menschlichen Dasein keinen höheren Sinn – es ist schlicht leer und „absurd“. Nur der Tod ist die Erlösung vom Leben, das geprägt ist von zweideutigem und missverständlichem Kommunizieren. Ob Mutter und Tochter den Sohn letztlich wiedererkannt haben, bleibt offen. Doch selbst wenn, wäre es irrelevant – der Tod als solcher hat keine Bedeutung. Jan, der stets das „Gute“ und „Moralische“ sehen will, wird genau diese Einstellung zum Verhängnis. Wieso die beiden Bewohnerinnen des Hauses laufend ihre Gäste ermorden, kommentiert die Mutter mit der Aussage: „Die Gewohnheit beginnt beim zweiten Verbrechen“. Ist es die Moral, die uns zu Menschen macht? Was ist überhaupt „moralisches Handeln“?

Als roter Faden der Geschichte wird das „Wohnen am Meer“ zur Metapher des utopischen Traumes nach einem schönen, sorgenlosen Leben (der kurz ertönende Chanson-Klassiker La mer von Charles Trenet verleiht dabei diesem Verlangen gekonnt eine groteske Note). Das Streben nach dem idealen „Blau“, der Sonne und dem unendlichen Horizont geben Mutter und Tochter Hoffnung sowie Legitimation für ihre Taten und deren „höheren Zweck“.

Das Missverständnis

Senyeb Saleh, Nikolaus Habjan (c) Lupi SpumaDas Missverständnis

Das Bühnenbild (Jakob Brossmann) spielt eindrucksvoll mit Perspektiven und Proportionen im Raum. Die fast durchwegs dunkle Beleuchtung und die melancholisch-tragische Hintergrundmusik spiegeln die düstere Stimmung der Handlung wider. Gelegentlich sorgen hellere Lichteffekte oder heitere Musikpassagen für Abwechslung, wenn das Geschehen auf der Bühne hoffnungsvoller erscheint. Doch letztendlich bekommt die Dunkelheit wortwörtlich die Oberhand.

Erst im Zuge des Schlussapplauses wird dem Zuseher bewusst, dass zwei der Schauspieler bravourös eine Doppelrolle gespielt haben – Florian Köhler mimt den rückkehrenden Sohn Jan sowie den gruseligen, nichtsprechenden Knecht, während Seyneb Saleh neben der Mutter auch Jans Frau Marie darstellt. Gemeinsam mit Nikolaus Habjan in der Rolle der verbitterten Schwester Martha ziehen sie das Publikum durch ihr geniales Puppenspiel in den Bann. Die Schauspieler verschwinden immer wieder hinter den so  lebendigen und ausdrucksstarken, aber zugleich verstörend wirkenden Puppen. Die Bedeutung der Masken im Stück – Schutzbarriere, Laster der Zeit, Verstecken der wahren Identität – kann wohl auf vielfältige Weise ausgelegt werden. Bleibt nur zu hoffen, dass in Zukunft vermehrt solche Produktionen präsentiert werden. Wir wollen me(e)hr!

Weitere Informationen zum Stück sowie Termine der nächsten Vorstellungen sind auf der Webpage des Schauspielhauses nachzulesen. Ein Vorgeschmack bietet auch der kurze Trailer.

 

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