Antigone: Gewalt erzeugt Gegengewalt

Seyneb Saleh ruft zum Widerstand auf. Willkommen in der Actor‘s Bar. Die Geschichte ist bekannt: Die junge Antigone möchte ihren Bruder Polyneikes beerdigen, obwohl ihr dies durch den neuen Herrscher Kreon untersagt wurde. Während ihre Schwester Ismene sie davon abzubringen versucht, begehrt Antigone auf.

ANTIGONE. Aufruf zum Widerstand

ANTIGONE. Aufruf zum Widerstand!

Und hier setzt Saleh ein: Sie verknüpft geschickt die griechische Mythologie mit Beispielen aus dem letzten Jahrhundert. Beginnend bei Rosa Parks, die 1955 in Montgomery, Alabama den Busboykott auslöste und deren Beispiel als Anfang der schwarzen Bürgerrechtsbegegnung gilt, da sie sich als Schwarze weigerte den Bus für weiße Fahrgäste zu räumen. Saleh will in ihrer Interpretation anecken. Sie will aufzeigen, dass kleine Taten und das simple Hinterfragen gewachsener Strukturen viel bewegen können. Auffällig ist, dass Saleh in der gesamten Performance die Frauen beim Vornamen anspricht und die Männer mit Nachnamen. Dies ist ebenso ein Statement wie die Wahl ihrer Beispiele. Starke Frauen erheben sich gegenüber dem etablierten (männlichen) System. Hat das Beispiel der Rosa Parks noch eine vornehmlich friedliche Protestbewegung betont, so fängt unsere Antigone an, sich zu radikalisieren. Saleh liest Ulrike Meinhof. „Natürlich kann geschossen werden“ wurde 1970 im Spiegel veröffentlicht und sollte Gewalt gegenüber Staat und Menschen rechtfertigen, die das verhasste System repräsentieren.

„(…) und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“

Am 18. März, dem Tag der Eröffnung des neuen Gebäudes der EZB in Frankfurt mit ausufernden Protesten sind Zitate der Meinhof äußerst gewagt, dessen ist sich Saleh bewusst. Daher möchte sie das Publikum mobilisieren, gemeinsam den Weg des Widerstands zu gehen, damit man sich nicht derart radikalisiert (und endet), wie Ulrike es getan hat. Denn ein brennendes Auto ist eine Straftat. 100 brennende Autos sind Zeichen einer politischen Bewegung. In Frankfurt brannte mehr als ein Auto, aber auch keine hundert Autos. Die Presse berichtet verachtend über die gelebte Gewalt. Und Jakob Augstein fragt in seiner aktuellen Kolumne auf Spiegel Online: „wenn wir die Gewalt der Straße verachten, warum akzeptieren wir dann die Gewalt der Politik?“ Und genau dort möchte auch Saleh mit ihrem Publikum hin: Der Weg zu einem besseren Leben ist kein leichter, aber gemeinsam können wir ihn gehen. Je mehr wir sind, desto weniger radikal muss der/die Einzelne agieren.

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Freie Bahn für die SchauspielerInnen des Ensembles. In der ACTORS‘ BAR präsentieren sie, was ihnen am Herzen liegt. Egal ob gespielt, gelesen oder improvisiert – alles kommt aus der sehr persönlichen Werkstatt der SchauspielerInnen. Näheres unter http://www.schauspielhaus-graz.com/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=10727

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