Diagonale: My talk with Florence

Der Film beginnt. Eine Frau sitzt bequem in einem braunen Lederstuhl, auf ihrem Schoß hält sie – wie ein kleines Kind – eine Puppe. Das Bild ist irritierend, denn die Puppe trägt zerfetzte Kleidung. Ihre Arme und Beine sind einbandagiert, sie ist verletzt, sie blutet. Der Name der Frau ist Florence Burnier-Bauer. Mit der Puppe will sie provozieren, will verstören, will etwas verbildlichen – nämlich ihre Geschichte.

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My talk with Florence (c) Paul Poet

Florence ist in ihrem Leben nicht viel Gutes passiert: Als Kind vom Großvater missbraucht, als junge Erwachsene auch vom eigenen Vater, von den Eltern in ein Irrenhaus verfrachtet. Mit 17 von Zuhause weggelaufen, hat auf der Straße ums Überleben gekämpft, mit einem Kind, dann mit zwei Kindern, schließlich mit drei Kindern. Am Ende ihrer Kräfte suchte sie Zuflucht in der Kommune rund um Otto Mühl, in der Hoffnung, dass sie ihren Kindern so eine bessere Zukunft bieten kann. Doch die Kinder wurden ihr genommen, am Ende war sie wieder allein, ihr Martyrium schien kein Ende zu nehmen…

Otto Mühl war ein österreichischer Aktionskünstler und Vertreter des Wiener Aktionismus. Bekannt wurde er aber v.a. durch die Gründung einer „reichianisch inspirierten“ Kommune, in der familiäre Verhältnisse (Zweierbeziehung, Eltern-Kind-Beziehung, usw.) vollkommen abgeschafft wurden. Die Kommune, deren Hauptsitz der Friedrichshof im österreichischen Burgenland war, fasste bis zu 600 Mitglieder. Versprochen wurde ihnen eine alternative Lebensform mit freier Liebe, gemeinsamem Eigentum, gemeinsamem Kinderaufwachsen und Förderung der gestalterischen Kreativität  – in Wahrheit verbarg sich dahinter aber ein bizarres Konstrukt mit klar geregeltem Tagesablauf, fixen Kopulationsplänen (Florence: „Man musste dreimal am Tag ficken, aber nie mit demselben. „Nein“ sagen durfte man nicht.“), intensivster Manipulation und Gehirnwäsche sowie Psychoterror und Kindesmissbrauch. Otto Mühl wurde deshalb 1991 zu einer Haftstrafe verurteilt.

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My talk with Florence (c) Paul Poet

Florence sitzt in ihrem Ledersessel, mit der misshandelten Puppe auf dem Arm, und erzählt uns ihre Geschichte – etwas, das ihr zuvor nie möglich war. Regisseur Paul Poet verfolgt damit einen völlig neuen Ansatz des Dokumentarfilmens: Er versucht, nicht wertend zu sein. Es wird ungeschnittenes Material verwendet, es wird nichts ausgedeutet, nichts hinein interpretiert, nichts kommentiert, keine dramatische, musikalische Untermalung eingespielt. Florence kann einfach erzählen, und das über zwei Stunden lang. Diese Tatsache mag einem lang und einschläfernd erscheinen – ich muss auch zugeben, dass Poet es mit der Filmlänge dann doch etwas zu gut gemeint hat –, doch Florence schafft es, natürlich auch aufgrund der Ungeheuerlichkeit ihrer Geschichte, das Publikum zu fesseln. Sie ist eine faszinierende Persönlichkeit, die Unglaubliches erlebt hat.

Otto Mühl; My talk with Florence (c) Paul Poet

Otto Mühl; My talk with Florence (c) Paul Poet

My talk with Florence stellt eine packende Lebensgeschichte dar. Teilweise kann man nur entsetzt den Kopf schütteln, an anderer Stelle muss man lachen, obwohl es bizarr erscheint, worüber man gerade lacht. Man erhält intimste Einblicke in eine Biographie, die an sich eigentlich ein unglaublicher Skandal ist, nicht aber als solcher dargestellt wird. Die Körperhaltung, Mimik und Gestik scheinen häufig nicht zu dem zu passen, worüber Florence gerade spricht. Das eigentlich Verstörende an diesem Film ist wahrscheinlich weniger die Geschichte selbst, sondern Florences erschreckend lockerer und teilweise sehr ironischer Umgang damit. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und schildert selbst die widerlichsten Details unbeschönigt – und das in derselben Art und Weise, als würde sie uns über einen Wochenendausflug berichten.

Der Film präsentiert uns einen 2-stündigen Monolog, der zwar nur zwischendurch vom Interviewer unterbrochen, aber dadurch gleichzeitig auch angeheizt und nie langweilig wird, sondern durchgehend faszinierend und v.a. irritierend bleibt.

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