Diagonale: „Bad Luck“

Wenn versucht wird, ein kriminalistisches Verwirrspiel im Prekariat des ländlichen Kärntens anzusiedeln, kann eine eigenwillige Komik von Natur aus nicht ausbleiben. Die Kombination des Humors und einer schweren Ernsthaftigkeit macht schließlich die Faszination des Films aus. Die Darsteller, die man sogleich als Laienschauspieler identifiziert, kommen authentisch und glaubwürdig herüber, wodurch die teils konfusen Verwirrspiele, die der Film zeitweise rückwärts erzählt, von einem permanenten Gefühl der Vertrautheit begleitet werden. Man kennt ja die Sprache aus dem Alltag und kann sich vorstellen, dass die Protagonisten Personen der eigenen Heimatgemeinde seien – auch wenn man vielleicht mit jenen speziellen Charakteren nicht mehr zu tun haben würde wollen als freundliches Grüßen und erzwungene Nachbarschaftshilfe.

(c) Diagonale

Bad Luck (c) KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Es werden drei Tage im Leben der charakterlich teils recht unterschiedlichen Personen geschildert, in denen mehrere Autounfälle und der Wille zu finanziellem Zugewinn zentral sind. Der gefeuerte Wettbüroangestellte Lippo sinnt auf Rache an seinem ehemaligen Chef, Rizzo und Karl, zwei Automechaniker, machen einen unerwarteten Geldfund in einem von einem Baum stürzenden Auto und bringen sich dabei in voraussehbare Schwierigkeiten, und die verschuldete Dagmar lässt die Tankstelle überfallen, in der sie arbeitet, um endlich wieder in ihre Wohnung kommen zu können. Wie hängt all dies nun zusammen?

Die chronologisch letzte Szene wird geschickt an den Anfang des Films gesetzt, um sogleich zeitlich zurückzuspringen und darzulegen, wie es dazu kam, dass am Ende Karl auf einer einsamen Landstraße torkelt und in einen Bus voller Musikanten einsteigt. Die unterschiedlichen Geschichten verbinden sich endlich zu einem großen Ganzen, bis sich herausstellt, inwiefern die unterschiedlichen Motive der Protagonisten zu jener teilweise absurd anmutenden Handlungsfolge geführt haben. Jene Absurdität ist es aber, die die Faszination des Films ausmacht. Denn irgendwie sind die Motive nachvollziehbar und zeugen von einer zwar unlogischen, aber doch verständlichen Vorgehensweise. Umso mehr die Figuren versuchen, Gewinn zu erzwingen, umso mehr schlittern sie ins Verderben und gestalten ihr ohnehin bereits eindimensionales Leben noch leerer und problematischer.

Bad Luck (Regie: Thomas Woschitz) ist kein außergewöhnliches Glanzstück der österreichischen Filmgeschichte, ist aber durchaus unterhaltsam und auf ungewöhnliche Art und Weise ergreifend. Den Versuch, der Handlung des Films durch einen Gedankenmonolog Karls am Ende eine Moral abzugewinnen, habe ich jedoch als unpassend empfunden, da der Film gerade durch die dargestellte Banalität des Lebens und allen Strebens lebt, und keine Worte zur Schilderung des „bösen Motivs der Habsucht“ benötigt hätte. Wenn man sich jedenfalls in der Verhaltensweise und im Milieu der Protagonisten wiederfindet, weiß man, dass man es im Leben nicht geschafft hat und womöglich etwas ändern sollte. Gleichzeitig kann der Gedankenversuch jedoch auch darauf hinauslaufen, dass man versteht, dass wir alle Menschen und aufgrund jenes Menschseins tief in uns bloß Tiere mit gestreckten Beinen sind. Dieser Gedanke kann faszinieren und erschrecken. Und man denkt unwillkürlich an Wilhelm von Humboldt und sein Bildungsideal.

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