Wir sind keine Barbaren!

„Bin ich zu Hause vor dem Fernseher?“, fragt man sich unweigerlich zu Beginn von Wir sind keine Barbaren! von Philipp Löhle.

Die erste Szene dreht sich um Barbara und Mario, die neue Nachbarn bekommen: Linda und Paul. Das beschauliche Vorstadtleben wird sanft wie eine Schneekugel durcheinander geschüttelt: Es gibt kein großes Drama, lediglich die typischen Problemchen, Lästereien und Verschiedenheiten, die man aus diversen Vorabendserien (und eventuell sogar dem eigenen Bekanntenkreis) kennt:
Rosé oder Prosecco?
Pilates oder Yoga?
Vegan kochen oder lieber nicht?
Das Ikearegal in weiß oder natur?

Das könnte nun so weiter gehen:
Man hält politisch korrekten Smalltalk,
man trennt den Müll,
man fährt ein Elektroauto.
Alles ein wenig modern, ein wenig vintage – aber keinesfalls radikal.

Natürlich sind diese 4 Menschen keine Barbaren, wer würde je etwas derartiges behaupten?

WIR SIND KEINE BARBAREN_Ensemble (c) Lupi Spuma

WIR SIND KEINE BARBAREN_Ensemble (c) Lupi Spuma

Der Wendepunkt kommt mit dem Auftauchen eines Fremden – oder genauer gesagt sein Nicht-Erscheinen: Nur aus den Dialogen erschließt sich den Zuschauern, das Barbara und Mario einen unbekannten Mann bei sich aufgenommen haben.

Sein Name? – Man ist sich nicht sicher.
Seine Herkunft? – Könnte Asien sein, oder doch Afrika?
Sicher ist nur, dass seine Anwesenheit die Idylle stört, er löst vielfältige Emotionen bei den beiden Pärchen aus.

Ist man verpflichtet, ihm zu helfen? Sind sie gar Mitschuld an seinem vermeintlich schlimmen Schicksal? Ist er gefährlich oder bietet er die Chance für etwas Neues, Aufregendes, Geheimnisvolles?

WIR SIND KEINE BARBAREN_Florian Köhler, Christoph Rohtenbuchner (c) Lupi Spuma

WIR SIND KEINE BARBAREN_Florian Köhler, Christoph Rohtenbuchner (c) Lupi Spuma

Die Stimmung ändert sich abrupt, als Barbara tot im Wald verscharrt gefunden wird, und der Fremde sich plötzlich in Luft aufgelöst hat. Die Emotionen kochen über und die drei Zurückgeblieben übertreffen sich in wilden Vermutungen.

Der Chor zwischen den Szenen ist ein Pars pro toto für die Gedanken der 20-Somethings dieser Generation. Jede innere Angst, jede geheime Befürchtung wird schonungslos ausgesprochen. Er kritisiert die Angepasstheit und Konformität des Durchschnittsmenschen.

„Wir schlagen auch mal über die Stränge. —- aber nur Freitag und Samstag.“

Nach außen hin ist es einfach, sich als tolerant, weltoffen und kosmopolitisch zu präsentieren – aber reicht der Blick weiter als bis zum Gartenzaun?
Nachdenklich verlässt man die Probebühne – hat man nicht auch selbst den Unbekannten automatisch als den Mörder angenommen?

WIR SIND KEINE BARBAREN_Christoph Rothenbuchner, Seyneb Saleh (c) Lupi Spuma

WIR SIND KEINE BARBAREN_Christoph Rothenbuchner, Seyneb Saleh (c) Lupi Spuma

Auch ich selbst, als eigentlich unbeteiligte Zuschauerin, habe mich dabei ertappt, dass ich mich innerlich auf eine Seite gestellt habe, ohne den kompletten Sachverhalt aus allen Perspektiven zu kennen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s