F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig

Auf bewegende und mitreißende Weise gastierten Puppenschauspieler Nikolaus Habjan und Regisseur Simon Meusburger am Grazer Schauspielhaus mit einem Ausschnitt österreichischer Geschichte über das tragische Schicksal Friedrich Zawrels, Überlebender der Kinder-Euthanasie der NS-Zeit.

Für uns in der Welt des Überflusses Lebende ist es faktisch unvorstellbar, wenn man „mit 10 Groschen ‚a Kaiser“ war. So erging es aber Herrn Friedrich Zawrel, geboren 1929, in seiner Kindheit in Kaisermühlen. Von seinen Eltern weggenommen und von der Pflegemutter als „zu schiach“ bezeichnet, verbrachte er seine Kindheit und Jugend in diversen Heimen, Anstalten, auf der Flucht und auf den Straßen Wiens. Sein ganzes Leben lang urteilten dieselben (!!!) Ärzte und Psychiater über seinen geistig-sozialen Zustand: „nicht erziehbar“ sowie „erbbiologisch und soziologisch minderwertig“ lautete das Gutachten. Selbst nach der Befreiung scheiterten die Versuche, ein normales Leben zu führen. Herrn Zawrel wurde so viel genommen – Familie, Selbstbestimmung, Bildung, Freiheit, Zukunftsperspektiven – doch er überlebte. Trotz aller Grausamkeit und Demütigung, die er seit Kindestagen an erleben musste, verlor er bis ins hohe Lebensalter nicht seinen Humor und geistreichen Witz – auch wenn die Gerechtigkeit, die er sich erhoffte, nie vollständig eintrat…

Infragestellung der Annexion, feierlicher Empfang der NS-Truppen in Wien bis hin zur Kinder-Euthanasie und korruptem Justizapparat – keine leichte Kost, die hier präsentiert wird. Es ist unfassbar, wie viel(e!) der NS-Zeit sich durch die Jahrzehnte hindurch sogar im öffentlich-staatlichen Bereich weitergezogen hat (haben), mehr als man jemals überhaupt annehmen würde. Eine erschreckende Wahrheit. Die Scham, die man als Publikum vor der Schuld der eigenen Gesellschaft empfindet, kann nicht in Worte gefasst werden.

Zawrel

F ZAWREL Nikolaus Habjan (c) Sabine Hauswirth

Das schlichte Bühnenbild lässt den Puppen und dem Puppenspieler allen Freiraum und wird nur durch eindrucksvolle Lichteffekte und kurze Videoausschnitte unterstützt. Die Puppen sind unglaublich, ja fast verstörend lebendig und faszinieren immer wieder aufs Neue. Besonders erfrischend war außerdem der (von Habjan einwandfrei reproduzierte) Kaisermühlen-Akzent des Herrn Zawrel.

Der Abend hatte zwei Stars, die die Zuseher zu tiefst berührten – Zawrel selbst und Nikolaus Habjan, dessen durchgehend überzeugende und emotionale „One-Man-Show“ das Publikum begeisterte und mit minutenlangen Standing Ovations im ausverkauften Saal gewürdigt wurde.

Dass dieses Stück vorerst nicht mehr im Grazer Schauspielhaus gastiert, ist äußerst zu bedauern (N.B.: Die Inszenierung erhielt den Nestroypreis 2012 in der Kategorie Beste Off-Produktion). Im Videoausschnitt ist der Protagonist kurz zu sehen.

Herr Zawrel ist im Februar 2015 verstorben. Er besuchte seit seiner Entlassung 1982 sehr oft Schulen, um seine Geschichte – die auch die unsere ist! – der jungen Generation zu vermitteln und die Menschen für diese oft verdrängte Zeit zu sensibilisieren. Friedrich Zawrels größter Schatz waren die Briefe von den SchülerInnen nach seinen Vorträgen – seine „Fanpost“ gewissermaßen. Die Jugend war ihm das Wichtigste: „Die Jugend ist unbelastet und sie muss wissen, was passiert ist, damit so etwas nie mehr geschieht.“ Denn das größte Verbrechen überhaupt ist es, zu ignorieren oder zu vergessen.

In diesem Sinne sollen die Worte des jüdischen Dichters Erich Fried (1921-1988), dessen Gedicht Herrn Zawrel sehr am Herzen lag, weiteren Anstoß zum Nachdenken geben:

Was geschieht

Es ist geschehen
und es geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen
wenn nichts dagegen geschieht.

Die Unschuldigen wissen von nichts,
weil sie zu unschuldig sind
und die Schuldigen wissen von nichts,
weil sie zu schuldig sind.

Die Armen merken es nicht,
weil sie zu arm sind
und die Reichen merken es nicht,
weil sie zu reich sind.

Die dummen zucken die Achseln,
weil sie zu dumm sind
und die Klugen zucken die Achseln,
weil sie zu klug sind.

Die Jungen kümmert es nicht,
weil sie zu jung sind,
und die Alten kümmert es nicht,
weil sie zu alt sind.

Darum geschieht nichts dagegen
und darum ist nichts geschehen
und geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen, wenn nichts dagegen geschieht.

Friedrich_Zawrel

Friedrich Zawrel 2013 (c) Christine Kainz

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2 Kommentare zu “F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig

  1. Hallo! Erstmal herzlichen Dank für diese tolle Rezension.
    Die wäre in einem von Friedrichs Ordnern gelandet.
    Nur eine Sache: beim Gedicht von Erich Fried fehlt der letzte (wichtige) Satz:
    …UND WIRD WEITER GESCHEHEN, WENN NICHTS DAGEGEN GESCHIEHT.

    lieben Gruß
    Nikolaus Habjan

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