Rekonstruktion einer Jugend ohne Gott

Ein Lehrer im Dritten Reich. Sorgsam kontrolliert er die Schularbeiten seiner Klasse. Orthographie und Satzbau. Alles okay soweit. Dann dieser Satz: „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul.“ Er lässt ihn ins Grübeln kommen. Kann man diesen Satz wirklich so stehen lassen? Da fällt es ihm wieder ein. Einen solchen Satz hat er bereits im Radio gehört. Und was dort gesagt wird kann man einem Schüler nicht zur Last legen. Kann man wirklich nicht?

Matthias Ohner (c) Lupi Spuma

Matthias Ohner (c) Lupi Spuma

Mit der Rückgabe und einem lockeren Spruch des Lehrers zur Simplizität dieser Verallgemeinerung fängt auch der Ärger für ihn an. Im starren Gruppengebilde der Klasse scheint er fortan keine Anerkennung mehr zu erfahren. Während die Klasse immer stärker dem militärischen Drill verfällt plagen ihn zunehmend Gewissensbisse. Dies führt letztendlich zu weiterem Ungemach. Und alles was der Lehrer unternimmt? Schweigen.

Dieses Schweigen macht ihn mit schuldig. Zuerst innerhalb der Klasse, in der sogar gemordet wird und zu guter Letzt natürlich auch an der Gesellschaft. Menschen wie dieser Lehrer, die die Gefahr im Dritten Reich erkannt haben und trotzdem geschwiegen haben, haben eine große Verantwortung an den Geschehnissen dieser Zeit. Und hier liegt vielleicht die Stärke des Stückes. Das Aufzeigen der Gefahren von Bequemlichkeit und Mitläufertum.

Was tun, wenn man Unrecht wahrnimmt, aber zugleich zu rücksichtsvoll oder zu feige ist, um ins Handeln zu kommen oder wenigstens Haltung zu zeigen? Eine Frage, die gerade heute wieder beschäftigt: bei latentem Rassismus und einer FPÖ, die sich knapp vor ‚Platz 1‘ gerade noch selbst beschädigt hat. (Ed. Hauswirth)

Matthis Ohner (der allein auf der Bühne zwischen den Rollen des Lehrers und Erzählers hin und herspringt) und Ed. Hauswirth haben sich Ödön von Horváths Stück angenommen, es zerlegt und rekonstruiert. Medial unterlegt mit aktuellen Bildern einer Jugendgruppe (die Theaterklasse des BORG Dreierschützengasse) entstand der Versuch den Inhalt in die aktuelle Zeit zu transferieren. Ein interessantes Stück, welches insbesondere für Jugendliche lehrreich ist. Dies war auch dem Publikum auf der Probebühne anzumerken. Zwischen mehreren Schulklassen wirkte man selbst fast ein wenig alt.

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Die nächste Vorstellung findet gleich morgen statt. Weitere Termine und Informationen sind der Seite des Schauspielhauses zu entnehmen.

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