Heimspiel der Identitätssuchenden – Hakoah Wien

Der israelische Soldat Michael Fröhlich macht Werbung für die Armee in Wien und wird durch Michaela Aftergut auf seinen Großvater und seine eigene Vergangenheit aufmerksam. Die Therapeutin Michaela ist in ihrer Beziehung zu ihrem Mann Oliver festgefahren und entdeckt über Fotos ihre jüdische Identität. Der ewige Ersatztormann Oliver ist mäßig erfolgreich und wünscht sich nur eines: Anerkennung. Was sie alle drei (und noch weitere Protagonisten) verbindet, ist der jüdische Fußball- bzw. Sportverein Hakoah Wien.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Die Begriffe Heimat und Stärke (hebr.: hakoah) sind die Angelpunkte der Erzählung, wiederkehrend und sinngebend für die große Frage des Stücks: Wer bin ich eigentlich? bzw. Wer oder was macht mich aus? Michael Fröhlich sieht seinen Großvater als Alter Ego und die Zeit scheint sich zu wiederholen, denn auch er ist hin- und hergerissen zwischen Heimat und der Liebe zu einer neuen Idee, einer neuen Identität. Michaela findet eine neue Heimat, die ihre Wurzeln in der Lebenslüge ihrer Großmutter hat – absurd und einleuchtend zugleich. Die radikale, aber ehrliche Auseinandersetzung mit den Thema Nationalsozialismus und dessen Vergangenheitsbewältigung ist mittlerweile mehr als nur notwendig. Historische Einblicke gepaart mit unterhaltsamen Elementen sind ein gutes Mittel, dem Publikum (die eigene) Geschichte gegenwärtig zu präsentieren.

(c) Lupi Spuma

Die Schauspieler zeigen voller Inbrunst, dass sie viel von ihrem Handwerk verstehen. Birgit Stöger als Michaela brilliert zwischen Verzweiflung und Sarkasmus, während Knut Berger großartig ihren abgehalfterten Mann Oliver gibt. Julius Feldmeier als Sascha ist faszinierend – selten eine so grazile Frau gesehen – und als Großvater Fröhlich mimt er den gewissenhaften Auswanderer, der wohl mehr zurücklässt als ihm bewusst zu sein scheint. Sebastian Klein sorgt für die meisten Lacher des Abends, sei es als leidenschaftlich grimmiger Fußballfan Ulf, der durch seine Menschlichkeit überrascht, oder als immer wieder eingesetzter Kommentator, der mehr als einmal treffend und voller Witz die Lage erörtert. Michael Ronen überzeugt durch Dreisprachigkeit (Hebräisch, Englisch, Deutsch), Gestik und Verletzlichkeit – seine Rolle ist hin- und hergerissen zwischen Heimat, Wünschen und Erwartungen; wie autobiografisch das für ihn und seine Schwester, die Regisseurin Yael Ronen ist, bleibt nur zu erahnen. Erwähnenswert ist das Bühnenbild – auf den ersten Blick offen und klar, aber dabei überraschend trickreich, ein bisschen wie ein sehenswertes Fußballspiel. Ronen gelang ein fabelhaftes Theaterstück, das, nach 2 Jahren und mehreren Gastspielen (sic!), zurecht seine kurze Wiederaufnahme in Graz feiern kann.

Allerletzte Vorstellung ist am 2.Mai!

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