Fassungslosigkeit, Scham und Hoffnung – F. Zawrel im Schauspielhaus

Nikolaus Habjan beweist großes Storytelling mit einer bewegenden Geschichte und Handpuppen. Die Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel ist schier unfassbar, lässt einen peinlich berührt ob des gesellschaftlichen Verdrängens und doch voller Hoffnung und Glauben an die Menschheit als solches.

Erbbiologisch und sozial minderwertig. Bumm. Was für eine erniedrigende Diagnose! Doch genau diese erhielt Friedrich Zawrel in der Nervenheilanstalt für Kinder am Wiener Spiegelgrund während der NS-Zeit.

Habjan erzählt die Geschichte von seiner Kindheit an. Unterstützt wird er hierbei von Berichten Friedrich Zawrels, die er mit Hilfe von Handpuppen in den passenden Kontext setzt. Das Bühnenbild ist einfach gehalten, lediglich hin und wieder wird es durch Projektionen unterstützt.

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(c) Lupi Spuma

Zawrel erzählt und erzählt. Man hat das Gefühl, dass er keine Grausamkeit auslassen mag, die ihm widerfahren ist. Und er erzählt die Geschichten nüchtern. Nicht emotionslos, aber nüchtern. Jeder soll erfahren, was ihm wiederfahren ist. Von der Gewalt, die ihm angetan wurde. Speibinjektionen, Fesselungen im Leinentuch und den alltäglichen Demütigungen.

Die größte Demütigung jedoch erfährt Zawrel durch die Republik. Nachdem er den Krieg wider erwarten überlebt hatte wurden die Augen verschlossen. Vor Tätern, Mittätern, Beurteilungen und zweifelhaften Gutachten. Dass er dann, nachdem seine Gutachten und Vorstrafen nie zurück genommen wurden und er, nachdem er aufgrund der Perspektivenlosigkeit auf die schiefe Bahn geriet, erneut von seinem Peiniger vom Spiegelgrund begutachtet werden sollte, ließ ihn jedoch rebellieren. Mit Hilfe eines Journalisten konnte er die grausame Vergangenheit dieses Arztes offen legen. Einerseits eine Genugtuung, andererseits jedoch ernüchternd, da dieser nicht mehr belangt werden konnte. Eine Farce, die nur davon überboten werden kann, dass dies kein Einzelfall in der österreichischen und deutschen Geschichte ist und nach dem Krieg sehr viele Altnazis zu honorigen Größen der Gesellschaft wurden.

Friedrich Zawrels Geschichte wurde letztendlich aufgearbeitet. Er selbst hat sehr viel zur Dokumentation der Geschehnisse am Spiegelgrund beigetragen. Im Jahr 2013 bekam er das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Am 20. Februar dieses Jahres verstarb er in Wien.

Die Art und Weise, wie er mit Habjan sein Leben aufgearbeitet hat, mit notwendigem Ernst und angereichertem Schmäh bleibt einzigartig und wird sich in die Köpfe sämtlicher Zuschauer_innen eingeprägt haben. Die Botschaft, ein solch menschenverachtendes System nicht zu tolerieren, hoffentlich auch.

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