MANON – Saisonende mit großer Enttäuschung

Was hätte noch gefehlt, um diese überraschend solide Opernsaison 14/15 zu einem glorreichen Abschluss zu führen? In der Tat: Es wäre nicht viel gewesen. Im Gegensatz zu einer Vorsaison mit Tiefpunkten hat sich in den vergangenen Monaten erwiesen, dass die Oper Graz auch anders kann. So zeigte sich, dass man mit Tosca und Otello zwei Produktionen auf die Beine stellen kann, ohne die so essentielle Werktreue der Kompositionen zu gefährden. Warum essentiell? Essentiell, weil Kunst unantastbar sein soll. Und es eine Anmaßung ist, diese Unantastbarkeit in Frage zu stellen.
Konfrontiert man Verantwortliche mit diesem Vorwurf, hört man das wiederkehrende Argument, man wolle ein Schauspiel, eine Oper nicht fortlaufend in derselben Inszenierung darbieten. Dafür kann man Verständnis zeigen – sei man nun ein Sympathisant oder ein erbitterter Gegner der modernen Regiearbeit. Tatsächlich lässt sich eine entstellte Traviata oder Carmen vertrösten, schließlich wird sich eine neue Gelegenheit bieten, weitere und bessere Darbietungen zu erleben. Wie verhält es sich aber mit Kunstwerken, die sich keiner so großen Omnipräsenz auf deutschsprachigen Spielplänen erfreuen? Rossinis Wilhelm Tell ist seit 96 Jahren nicht mehr auf Grazer Bühnen zu sehen gewesen – bis es vergangenes Jahr zu einer unkonventionellen Neuproduktion kam, in der sich Regisseur Stephen Lawless mit allen Mitteln Aufmerksamkeit sichern wollte. Hätte man nicht gerade hier die Gelegenheit wahrnehmen müssen, einen traditionellen Tell im Sinne seines Erschaffers darzubieten? Ich meine ja. Und nicht anders verhält es sich bei der aktuellen Inszenierung von Massenets viele Jahre unterschätztem Meisterwerk Manon.

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(c) Werner Kmetitsch

Nun gestehe ich, in dieser Angelegenheit befangen zu sein. Tatsächlich zählt diese Oper zu meinen frühesten Musikerlebnissen überhaupt und hat mir – gemeinsam mit anderen allerersten Kulturbegegnungen – auf prägende Weise gezeigt, wozu große Musik und große Kunst fähig sind. Umso erfreuter bin ich gewesen, zu erfahren, dass gerade dieses (aufgrund des genialen Nachahmers Puccini) leider nicht allzu häufig interpretierte Glanzstück französischer Musikgeschichte in Graz zu erleben sein wird. Die letzte Gelegenheit hierzu bot sich wohlgemerkt vor über siebzig Jahren! Allerdings sollte sich die Euphorie bald schon dämmen, denn Massenets Oper – die nicht nur an eine literarisch bedeutsame Vorlage, sondern auch an einen historischen Rahmen fest gebunden ist – wurde in tiefem Missverständnis des Regisseurs Elmar Goerden zu einem Thriller mit Flughafen-Kulisse verzerrt. Dabei wurde nicht nur in das Bühnenbild und sogar das Libretto (!) modernisierend eingegriffen, auch die Handlung selbst sollte im fünften Akt einer grundlegenden Veränderung ausgesetzt werden. Ich frage: Muss das sein?
Natürlich muss es nicht sein. Und natürlich weiß Herr Goerden das. Aber es ist die Lust eines jeden Regisseurs, neue Wege einzuschreiten und das sei ihm auch – in Maßen! – gestattet. Herr Goerden aber kennt keine Maßen. Und so befinden wir uns im dritten Akt der Manon nicht im erwarteten Kloster, sondern inmitten einer Raucherkabine. Ich frage erneut: Muss das sein?

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(c) Werner Kmetitsch

So groß die Enttäuschung Elmar Goerden auch sein mag, sollte man nicht darauf vergessen, dass Ensemble und Orchester keine Schuld an dem inszenatorischen Ungeschick tragen. Aus diesem Grund darf der gesangliche Stern des Abends keinesfalls unerwähnt bleiben: Die Partie des bis zur Verzweiflung Liebenden Des Grieux wird von Abdellah Lasri bis an die Grenzen menschlicher Emotion getrieben. Selten hat das Opernhaus Graz einem Sänger solch gewaltigen Applaus gespendet! Auch Titelheldin Iulia Maria Dan wusste zu überzeugen – wenngleich sie auch den Einsatz in die zweite Strophe des berühmten Chors Obéissons, quand leur voix appelle! verfehlte.
Was aber bleibt nun noch zu sagen? Als beschwichtigender Trost wohl doch, dass große Kunst nicht nur ihre Zeit, sondern auch die Plage des modernen Regietheaters überleben wird. So rührt Massenet den fühlenden Hörer auch heute noch, wenn er seine verschwendungssüchtige Manon zum vorläufigen Abschied singen lässt: „Adieu, notre petite table“, und Des Grieux mit seiner träumerischen Arie „En ferment les yeux“ antwortet. Diese klanglichen Juwelen, die zu den ergreifendsten unserer Operngeschichte zählen, bleiben dem Werk erhalten und gestalten es zu einem unvergesslichen Erlebnis – sei es im Kloster oder am Gateway.

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