Tschaikowskis Pathétique – Ein sentimentales Jahrhundertwerk

Der Abend begann mit Tschaikowski und seiner Suite Nr. 2, op. 53. Ein „Studienwerk auf dem Weg von der Vierten zur Fünften Symphonie“, wie dem begleitenden Programmheft zu entnehmen ist. Es folgt das Cellokonzert in a-Moll des französischen Kollegen Saint-Säens. Allerdings hinterlassen beide Werke in ihrer Kürze den Eindruck einer musikalischen Aufwärmübung für das Große Orchester Graz. Der Abend steht nämlich im Geiste eines anderen Werkes: Tschaikowskis sechster, letzter und berühmtester Sinfonie, der Pathétique.
Nun ist über die Pathétique – wie bei Musikwerken ihres Bekanntheitsgrades üblich – eine Menge musikologische Tinte vergossen worden. Darüber hinaus haben sich aber auch andere Stimmen in den Diskurs über dieses letzte Musikwerk des russischen Großmeisters gemengt, und es kamen eine Vielzahl von Verschwörungstheorien zustande. Die Quelle hierfür ist vor allem in Tschaikowskis unerwartetem Tod zu suchen – zwei Wochen nach Uraufführung der Sinfonie.

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Pjotr Iljitsch Tschaikwoski

Es überrascht nicht, dass der unkonventionelle Schlusssatz bald schon in Zusammenhang mit dem Ableben des Komponisten gebracht worden ist. Eine Sinfonie hatte zu diesem Zeitpunkt mit einer Sonatensatzform zu enden. Oder mit einem Rondo. Auch ein Variationssatz war durchaus gebräuchlich. Was Tschaikowski aber komponierte, war ein Adagio lamentoso – wohlbemerkt vor Gustav Mahler! Dieses Adagio verklingt wie das stille Sterben eines Lebewesens. Man kann hören wie die Bässe den Puls des Sterbenden drosseln, bis er gänzlich verstummt. Stumm blieb auch das Publikum des Grazer Musikvereins für knapp eine halbe Minute, ehe es wagte, dem Orchester Applaus zu spendieren. Die allgemeine Ergriffenheit war spürbar.
Doch auch die schwunghaften Passagen, die die Sinfonie keineswegs entbehrt, dirigierte Michael Hofstetter mit allergrößter Lebhaftigkeit und brachte dadurch die Zerrissenheit des Werkes meisterhaft zur Geltung.

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Dirigent Michael Hofstetter – (c) Patrick Sheedy

Adorno hatte gewiss nicht unrecht, als er meinte, bei Tschaikowski hafte selbst der Verzweiflung etwas Schlagerhaftes an. Und tatsächlich: Eine gewisse Trivialität lässt sich in seinem Schaffen wohl nicht verleugnen (nicht in seinen Klavierkonzerten und schon gar nicht in den Sinfonien). Und dennoch bleibt die Pathétique ein bahnbrechendes Werk der Musikgeschichte, das zwar oftmals an die Grenze der aufdringlichen Sentimentalität reicht, diese aber niemals ganz überschreitet. Somit erstaunt es nicht, dass auch im Jahr 2015 Tschaikowskis sechste Sinfonie (aufgeteilt auf zwei Tage) eine beachtliche Besucherzahl von über 2000 Musikfreunden in den Grazer Stefaniensaal lockt. Pjotr Iljitsch Tschaikowski bleibt also auch über 120 Jahre nach seinem sagenumwobenem Tod Russlands populärster Musikexport. Ob trotz oder gerade wegen seiner Brüchigkeit bleibt unbeantwortet. Und soll es vielleicht auch bleiben.

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