Salome – zwischen biblischem Stoff und aktuellem Diskurs

„Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Abend!“ flüstert Narraboth, der erste Hauptmann des Tetrarchen Herodes Antipas, zu Beginn des Stückes Salome immer wieder, während auf der Bühne nur die Prinzessin selbst – mit ihrem zerzausten Haar und dem zerknitterten, weißen Kleid noch ganz Femme Enfant – gleich doppelt zu sehen ist: überdimensional wird sie auf eine riesige Leinwand projiziert. Was der Hauptmann als Antwort erhält, ist Programm für den weiteren Handlungsverlauf: „Du musst sie nicht ansehen. Du siehst sie zuviel an. Schreckliches kann geschehen.“

SALOME (Evi Kehrstephan) (c) Lupi Spuma

SALOME (Evi Kehrstephan) (c) Lupi Spuma

Seit einer Woche ist im Schauspielhaus Graz Oscar Wildes Bearbeitung des biblischen Stoffes unter der Regie von Michael Simon zu sehen. Die Geschichte ist bekannt: Herodes Antipas, Tetrarch in Galiläa, hält Johannes, den Täufer, in einer Zisterne gefangen, nachdem dieser es gewagt hat, den sündigen Lebenswandel von ihm und seiner Frau Herodias anzuprangern. Herodes Antipas weigert sich jedoch, diesen hinzurichten, sehr zum Ärger seiner Frau. Jedoch schwört er seiner Stieftochter Salome, alles zu tun, was sie will, wenn sie für ihn tanze. Und Salome hat, angestachelt von ihrer Mutter, nur einen Wunsch – den Kopf des Johannes auf einem Silbertablett.

Im Gegensatz zur Bibelversion handelt Salome bei Wildes Fassung völlig autonom: Sie fühlt sich von Johannes zunächst angezogen – „Ich will deinen Mund küssen!“ -, dann durch seine Zurückweisung ihres Begehrens gekränkt, und betont: „Zu meiner eignen Lust will ich den Kopf des Johannes in einer Silberschüssel haben.“ Zu Wildes Lebzeiten war seine Interpretation wegen der Veränderung der Bibelversion und der Darstellung von Salomes Begierde skandalös – was heute nicht mehr nachvollziehbar ist.

SALOME (Steffi Krautz, Kaspar Locher, Stefan Suske) (c) Lupi Spuma

SALOME (Steffi Krautz, Kaspar Locher, Stefan Suske) (c) Lupi Spuma

Herodes (Stefan Suske) kommt als seniler, impotenter Lustmolch auf die Bühne, der nichts (mehr) im Kopf hat als sein eigenes Vergnügen. Vor allem im Vergleich zur Darstellung seiner Frau Herodias (Steffi Krautz) wirkt er noch schwächer und regierungsunfähiger. Salomes (Evi Kehrstephan) Wandlung von der kratzbürstigen Kindsfrau zur Femme Fatale, die ihre Reize bewusst einsetzt, wurde für die Zuseher*innen nachvollziehbar umgesetzt.

Was das Stück aber erst sehenswert macht, ist die Spannung zwischen biblischem Stoff und aktuellem Diskurs, worin die Inszenierung im Schauspielhaus die des 2001 verstorbenen Einar Schleef weiterentwickelte. Der Gegenwartsbezug ist in der ersten Hälfte nur subtil spürbar, vor allem über die Leinwand, die das zeitgenössische Medium Film ins Spiel bringt – etwa, wenn man nur den seine fanatisch religiösen Reden schwingenden Johannes (Kaspar Locher) darauf sieht. Spätestens mit der Pause beginnt der Gegenwartsbezug das Stück aber immer stärker zu durchdringen: Johannes wird im orangen Sträflingsanzug zu seiner Enthauptung geführt, die drei Untertanen wechseln in der Pause nicht nur in zeitgenössische Kleidung, sondern kleiden sich auch in aktuelle Worte.

SALOME (Evi Kehrstephan) (c) Lupi Spuma

SALOME (Evi Kehrstephan) (c) Lupi Spuma

In ihrer Diskussion spiegelt sich der aktuelle Diskurs der Medien rund um Fanatismus, Islamischer Staat und Terror wider. Dabei scheint die zu Vernunft und Maßen mahnende Stimme – gleich der Wirklichkeit(?) – unterlegen. Die vorgebrachten Argumente sind Versatzstücke von Aussagen, die so oder ähnlich real getätigt wurden – sei es von Politiker*innen, Philosoph*innen oder der Frau*dem Mann von der Straße. Durch die Inszenierung auf der Bühne wird erst deutlich, wie bizarr manche Meinungen, wie grotesk die von Ideologien geprägte Diskussion, die sich fortlaufend im Kreis dreht, ist, und welche aktuelle Brisanz in Wildes Stück liegt.

Wenn man schnell tippen kann, ist es deswegen sehr spaßig, im Web über die Suchmaschine der Wahl die Aussagen zu recherchieren, um zu sehen, wer was wann und in welchem Kontext gesagt hat (was manchmal auch leicht zu erraten ist) – eine Statement-Auswahl:

Fundamentalismus ist eine Reaktion – eine falsche, mystifizierende Reaktion natürlich – auf eine wirkliche Schwäche des Liberalismus.

Wer das noch immer nicht kapiert hat, dass der radikale Islamismus hier gefährliche Strukturen aufgebaut hat, ist ein Realitätsverweigerer.

Der ist ein Mittel zur Selbstzerstörung der kollektiven Hirnfunktionen.

Es geht hier gar nicht um den Islam. Der Islam ist vor allem eine Projektionsfläche geworden, er ist in Europa schon lange keine Religion mehr.

Dafür muss der Staat stark sein und liberal. Beides, gleichzeitig.

 

Die weiteren Aufführungstermine finden sich auf der Website des Schauspielhauses.

[*] Oscar Wilde: Salome. http://gutenberg.spiegel.de/buch/salome-1833/1

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Ein Kommentar zu “Salome – zwischen biblischem Stoff und aktuellem Diskurs

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