Anton Bruckners 5. Symphonie beim Musikverein: Alles Edle ist schwer

Am 4. und 5. Mai fand das 9. Orchesterkonzert des Musikvereins Graz statt, bei welchem John Axelrod mit dem Grazer Philharmonischen Orchester Anton Bruckners 5. Symphonie (in B-Dur) im Stephaniensaal, also demselben Ort, an dem im Jahre 1894 die Premiere unter Abwesenheit des Komponisten stattfand, aufführte. Das musikalisch äußerst anspruchsvolle Stück, das selbst damalige Musikexperten zu wagemutigen Aussagen über die schwer zu durchschauenden Strukturen und den gerade beim ersten Hören schwierig zu überschauenden Aufbau veranlasste, war dementsprechend für Laien wie dem Verfasser dieses Textes – musiktheoretisch – beinahe ein undurchschaubares Mysterium. Aufgrund der phasenweise überaus ergreifenden Passagen der beinahe 80-minütigen Symphonie musste jedoch vielleicht gar nicht so viel verstanden werden, wie man zu empfinden auch ohne nötige Kenntnisse imstande war.

(c) Musikverein Graz

(c) Musikverein Graz

Der erste Satz (Adagio – Allegro) beginnt mit einer langsamen Introduktion und führt schließlich zu einem ersten überwältigenden Aufhorchen, der Einführung eines Hauptthemas des Satzes. Aufgrund der vielen Brüche, die den Kontrast zwischen „Empfindung und Empfindungspause“ verstärkten, konnte man sich an Schopenhauers Musiktheorie erinnert fühlen, auch wenn die Sprünge teilweise zu radikal gesetzt schienen. Der 2. Satz (Adagio. Sehr langsam) war für mich sodann der erste Höhepunkt des Abends, der mich in meinen Gefühlen am stärksten zu berühren vermochte und zuweilen an russische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts denken ließ. Während des dritten Satzes (Scherzo. Molto vivace – Trio. Molto vivace) war man bereits in einem schwer zu ergreifenden Gefühlszustand angekommen, der aufgrund der Länge des Werkes ohne Pausen zu großen und zur Reife befähigten Empfindungen führen konnte, wenn man gewillt war, sich der wundervollen Tiefe der Symphonie völlig hinzugeben.

Der Schlusssatz (Finale. Adagio – Allegro moderato) beginnt mit einer Wiederholung der Introduktion des ersten Satzes (erinnerte an Beethovens 9. Symphonie) und mündet endlich nach einem langatmigen und schweren musikalischen Konstrukt in einem Allegro, das den letzten Satz schließlich in höchst pathetischer Weise beendet, die in kaum zu übertreffender Schönheit dem Zuhörer durch das erhebende Grazioso einen gebührenden Abschluss bietet, der sozusagen die Überwindung eines holprigen Weges darstellt und eine wundersame Gemütsverfassung nach dem letzten Tone zurücklässt. Gerade in jenen Momenten, als sich die Herrlichkeit jenes abschließenden Pathos ihrem Höhepunkt nähert, fühlt man in sich den tiefsitzenden Wunsch nach Ewigkeit der Gefühle, die man wahrzunehmen und empfinden zu dürfen das Begehren verspürt. Doch – wie im Leben – muss jede Ewigkeit vor ihrer Zeit enden und kann deshalb umso mehr wirken, weil sie nicht von langer Dauer sein darf. Als der tobende Applaus des Publikums die Leistung des Orchesters und des Dirigenten John Axelrod zu würdigen versuchte, spürte man die zutiefst beschämende und genugtuende Empfindung, über das eben Gehörte nicht sprechen zu können. Demgemäß muss die Deskription in geschriebenem Wort selbstsprechend noch unvollständiger sein.

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