Exotisch,südlich,lebensfroh=BO-LE-RO

Ein ungewöhnliches Konzept zeigte die Leitung der recreation-Konzertreihe für das Orchesterkonzert im Mai: feurige Rhythmen komponiert in Amerika, Argentinien, Russland und Frankreich, die von einem steirischen Dirigenten zu einem stimmigen Programm zusammengeführt werden? Dass diese Kombination jedoch beim Publikum großen Anklang findet, zeigten ein voller Saal und stürmischer Applaus.

Christian Muthspiel (c) Werner Kmetitsch

Christian Muthspiel (c) Werner Kmetitsch

Schon als das Orchester die Bühne betritt, weiß man sofort, dass dies kein gewöhnliches Konzert wird: der Dresscode „all in black“ ist für den Abend aufgehoben und so bekennen die MusikerInnen kräftige Farben von Rot bis Blau. Als auch Dirigent Christian Muthspiel sich seinen Weg durch die mehr als volle Bühne gebahnt hat, wird festlich eröffnet mit der Cuban Overture von George Gershwin. Stolze sieben Männer und eine Frau sind hier am Schlagwerk besetzt und sorgen dafür, dass zumindest innerlich alle Zuhörer mit den Zehen mitwackeln müssen. Trotz der animierenden Wirkung kommt keine Schunkelstimmung auf, da der schlichte wie passionierte Muthspiel den durch die Musik gewährten Freiraum nie überstrapaziert. Dass Gershwin sein Leben lang an der Originalität seiner Kompositionen zweifelte, scheint an diesem Abend unverständlich. Als der Amerikaner bei seinem Kollegen Ravel um Unterricht bat, gab dieser zur Antwort: „Sie sind doch schon ein 1. Gershwin, warum wollen Sie ein 2. Ravel werden?“ Der opulenten Ouvertüre folgte als österreichische Erstaufführung das Popol vuh von Alberto Ginastera. Die Vertonung eines Schöpfungsmythos der Maya blieb aufgrund des Todes des Komponisten unvollendet und besteht so aus sieben ineinander übergehenden Stücken. Mit einem tiefen Brummen der Kontrabässe und Fagotte beginnt Die Nacht der Zeiten. Die fast malerischen Stücke erzählen vom Erwachen und Erleben der Natur, dass manchmal ganz sanft, an anderen Stellen heftig und laut ist. Auch von einem großen Regen bleibt man nicht verschont, bei dem sich die undurchsichtige Flut mit lebhaftem Plätschern abwechselt. Das Orchester musizierte die mythische Geschichte mit der nötigen Intensität, sodass man sich beim Ende mit Sonne, Mond und Sternen dem Gänsehautgefühl nicht erwehren konnte.

Maurice Ravel, entnommen von styriarte

Maurice Ravel, entnommen von styriarte

Mit einer kurzen Einleitung eröffnet Christian Muthspiel den zweiten Teil des Konzertes, der Nikolai Rimski-Korsakow und Maurice Ravel gewidmet sein wird. Mit dem russischen Capriccio espagnol zeigt sich wie auch im ersten Teil der Sinn jeder Volksmusik: die Suche nach dem Anderen und dem Ursprünglichen, das jeder Kultur zugrunde liegt. Die durchwegs homogene Interpretation der spanischen Themen lässt erkennen, dass sich auch verschiedene Arten von Leidenschaft miteinander vertragen können. So glimmt zwischen dem Klappern der Kastagnetten immer wieder auch das russisch-romantische Feuer durch. Besonders eindrucksvoll gestalten die Musiker das vorletzte Stück, in dem sich zu vier charakteristischen Kadenzen immer wieder der Wirbel eines anderen Schlaginstrumentes mischt. Für das Finale, Ravels Bolero, wird das Orchester um drei Saxophone erweitert. In der Mitte der Musiker nimmt als Herz des Stückes und des Orchesters die Trommel Platz und schlägt in diszipliniertestem crescendo beharrlich seinen Ostinato-Rhythmus. Abwechselnd ertönen nun die verschiedenen Bläser mit Variationen der weltberühmten Melodie. Vor allem die Töne der Klarinetten, des Fagotts und der Oboe legten sich samtig weich in die starren Konturen der Begleitung. Ausnahmslos alle Solisten kosteten ihre Passagen aus, ohne dabei die Struktur zu zerstören. Lange lässt Ravel die Zuhörer zappeln, bis endlich auch die Geigen in die Melodie miteinstimmen und den Orchesterklang mit ihrem weichen Streichen zu umarmen scheinen. Mit begeisterten Gesichtern endet der Abend in mächtigem Forte und entlässt eine Schar Menschen, die wohl alle noch dieselbe Melodie im Ohr haben. Eine Hörprobe vom Konzert bietet die Styriarte unter: http://styriarte.com/cms/wp-content/uploads/2015/03/bolero_recreation.mp3

Mehr Informationen zum Konzert und recreation unter: http://styriarte.com/events/bolero/?realm=recreation&sti=3173

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