WOYZECK (Schauspielhaus Graz)

Sie gehört zu den wenigen Gegenbeweisen der kursierenden These, die deutschsprachige Literatur habe keine bedeutenden Dichterinnen hervorgebracht. Tatsächlich aber ist Annette von Droste-Hülshoff mit ihrem novellistischen Sittengemälde Die Judenbuche eines der bahnbrechendsten Werke ihrer Zeit gelungen. Die westfälische Dichterin thematisiert, was davor kaum Eingang in unsere Literatur gefunden hat: Die Prägung des sozialen Milieus auf das Individuum. Das Bahnbrechende dieser Problematik mag sich dem Verständnis des heutigen Lesers nicht auf Anhieb erschließen, doch sei schüchtern darauf verwiesen: Wir sprechen vom Jahr 1842, einer Zeit also, in der der Naturalismus noch in unabsehbarer Ferne lag.
Wovon handelt diese Judenbuche nun aber? Im Grunde genommen von nichts anderem als einem jungen Menschen, der nach dem Tod seines trunksüchtigen Vaters ins soziale Abseits gerät und von der Gesellschaft in eine Außenseiterrolle gedrängt wird, die ihn zum Verbrecher klassifiziert, ehe er dieser überhaupt geworden ist. Kurzum: Sein Schicksal scheint vorgezeichnet. Und obgleich eine solche Milieustudie bis in unser 21. Jahrhundert weder an Aktualität, noch an Brisanz eingebüßt hat, erfährt die literarische Bedeutung dieser Novelle eine Einschränkung: Sie lässt sich gegen ein anderes, ungleich wichtigeres Werk ausspielen. Ich spreche von Georg Büchners Woyzeck.

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Georg Büchner um 1835

Nun soll man sich davor hüten, die Schwächen eines literarischen Werkes auf dem Rücken der Stärken eines anderen zu sezieren. In diesem Fall ist eine Auseinandersetzung aber zu naheliegend, um sich a priori dagegen zu verwehren. Zunächst muss festgehalten werden, dass beide Werke die Frage nach dem Zusammenhang von sozialer Prägung und krimineller Ausschreitung in ihr Zentrum rücken. Zudem erweist sich die zeitliche Nähe der Entstehungsjahre als auffallend. Tatsächlich ist der Woyzeck bloß fünf Jahre vor der Judenbuche entstanden. Allerdings verbreitete sich Büchners literarischer Ruhm erst zu Ende des 19. Jahrhunderts, weshalb von einem künstlerischen Einfluss oder gar einer Epigonalität der Droste-Hülshoff nicht die Rede sein kann.
Worin unterscheiden sich die Werke aber? Wohl doch vor allem darin, dass Büchner von jenem moralischen Duktus absieht, den Annette von Droste-Hülshoff sich zueigen gemacht hat. Während sich ihr Novellenheld Friedrich Mergel am Ort seiner Schandtat – eben jener Judenbuche – das Leben nimmt und uns die tief religiöse Dichterin dadurch vermitteln will, es gäbe neben der gerichtlichen so etwas wie eine höhere Gerechtigkeit, fällt diese moralisch-metaphysische Ebene bei Büchner weg. Nicht zuletzt aufgrund dieses wohltuenden Umstandes zählt der Woyzeck auch heute noch zu einem der wirkungsvollsten und unverbrauchtesten Dramen unserer neueren Literaturgeschichte.

330px-Handschrift

Erste Seite der vorläufigen Reinschrift des Originalmanuskripts

Am 19. März diesen Jahres prämierte eine neue Inszenierung von Büchners Hauptwerk am Grazer Schauspielhaus. Doch gilt es sogleich, ein nicht unwesentliches Missverständnis zu klären: Keine Woyzeck-Aufführung erwartet den interessierten Besucher, sondern eine Woyzeck-Bearbeitung. Das soziale Drama wird also nicht als kohärente Handlung in stringenter Werktreue wiedergegeben (was aufgrund seines fragmentarischen Aufbaus auch gar nicht möglich wäre), sondern bedient sich Regisseur Oliver Frljić einzelner Motive des Werkes und stellt sie in bizarr-verzerrter Gestaltung seinem Publikum zur Schau. Mit Erfolg? Eine streitbare Frage. Und ich möchte mich auf diesen Streit einlassen. Denn so sehr Frljić für seine gewagte „Skandal“-Inszenierung in zahlreichen Feuilletons geprügelt worden ist, so sehr ist es mein Anliegen, die Arbeit des bosnischen Regisseurs in Schutz zu nehmen.

Wozyeck (Franz Solar) und Marie (Philine Bührer) - (c) Lupi Spuma

Wozyeck (Franz Solar) und Marie (Philine Bührer) – (c) Lupi Spuma

Irren die kritischen Stimmen also? Keineswegs. Schließlich erlaubt Frljić sich nicht selten inszenatorische Freiheiten, die ein verstörendes Unverständnis des Publikums geradezu provozieren. Noch kein Grund zur Klage, bliebe der tiefere Gehalt manch solcher Eingriffe nicht im Dunkeln. So fragt man sich, weshalb die berühmte Rasierszene bei Frljić zu einer Travestieparade ausarten muss. Und auch das religiös-motivierte Finale erscheint als inszenatorischer Fehlgriff. Aber wer sich auf einen gewagten Theaterabend einlässt, darf kein Glück der Vollkommenheit erwarten.
Frljić hat viel gewagt, und was er gewagt hat, ist in weiten Teilen geglückt: Nicht das Wort, sondern den Geist des Stückes sucht der Bosnier einzufangen. Wenn Woyzeck-Darsteller Franz Solar beispielsweise vom Rest der Besetzung verhöhnt, erniedrigt und sogar misshandelt wird, ist hier ein unverkennbares Abbild des gesellschaftlichen Missbrauchs am Einzelnen zu erkennen. Dass der Großteil dieser Darbietungen ins Anstößige und Groteske verzerrt wird, mag schwachen Gemütern nicht behagen (als Randnotiz sei erwähnt, dass die Altersbeschränkung der Inszenierung bei 16 Jahren liegt). Und doch wird die Abnorm und Devianz, kurzum das „Kranke“ und somit das, was Büchner dem 20. Jahrhundert und großen Geistern wie Gerhart Hauptmann, Thomas Mann oder Robert Musil vorwegnimmt, in provokant-effektvoller Weise getroffen.
Es sei wiederholt: Nicht als konsequente Nachzeichnung der Handlung, sondern als freie Bearbeitung des Stoffes muss Frljićs Regiearbeit wahrgenommen werden. Nur wer sich diesen Unterschied begreiflich macht, wird das notwendige Verständnis aufbringen, den Einfallsreichtum dieser umstrittenen Inszenierung in all seiner Vielfalt zu genießen.

Weitere Gelegenheiten zu Woyzeck bietet das Schauspielhaus Graz am 27. Mai, 9. Juni und 17. Juni. Um künftigen Besuchern ein unvoreingenommenes Theatererlebnis zu ermöglichen, wurde im Rahmen dieser Rezension auf allzu aussagekräftige Fotoaufnahmen verzichtet.

All jenen, die sich dennoch ein vorzeitiges Bild machen möchten, sei diese knappe Videovorschau ans Herz gelegt: https://www.youtube.com/watch?v=T8XmLVFBMic

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