Der Vollmond steigt, der Nebel weicht – Die schöne Müllerin

Als letzter Liederabend der Saison präsentierte der Musikverein Graz am 20. Mai den großartigen und langerwarteten Liederzyklus Die schöne Müllerin von Franz Schubert, auf den man zuvor jahrelang vergebens zu warten hatte, ehe er heuer endlich (mit Mauro Peter als Tenor und Helmut Deutsch am Klavier) im Programm zu finden war. Da es sehr schwierig scheint, über ein Werk Gefühlsäußerungen zu vermitteln, die bloß durch musikalische Umsetzung oder Lyrik beschreibbar sein dürften, nehme ich mir das unangenehme Recht als Schreiber dieser Rezension heraus, sehr nüchtern über dieses Werk schreiben zu wollen, das mich seit 10 Jahren entführt und berührt, um lediglich eine kurze Übersicht dessen zu bieten, was man als womöglich unbefangener Gast an jenem herrlichen Abend zu hören bekam.

(c) Musikverein Graz

(c) Musikverein Graz

Schubert komponierte im Jahre 1823 die Musik zu Wilhelm Müllers Textgrundlage, die durch die musikalische Dimension nicht nur bereichert, sondern überhaupt erst zu jenem gemacht wurde, was es der Allgemeinheit wert zu sein schien, es die Zeit überdauern zu lassen. Der inhaltsvolle, aber technisch nicht vollends bravouröse Text wäre uns heute vermutlich gänzlich unbekannt, hätte die empfindsame musikalische Untermalung der herzzerreißenden Geschichte des jungen Müllers nicht stattgefunden. Höchst verträumt erzählen die 20 Lieder (5 Lieder wurden aus Müllers Zyklus weggelassen) von einem jungen Müllergesellen, dessen Wanderung ihn zu einer Mühle führt, wo er Arbeit, aber vor allem romantische Liebe findet, die ihren Ausdruck in der melancholischen Beziehung des Jünglings zum Bache findet. Nach zunächst flammender Begierde scheint er schließlich sein Ziel zu erreichen und eine Liaison mit der schönen Müllerstochter zu beginnen, aus welcher er recht bald durch den „Flattersinn“ der Schönen, die sich in einen Jägersmann verliebt, in nachvollziehbar schmerzvoller Weise gerissen wird. Schließlich sieht er nur noch einen letzten Ausweg und vereint sich im Dahinscheiden aus dem Leben mit dem idealisierten Liebesboten, dem treuen Bächlein, das ihn „woget und wieget“ und ihm jenen Frieden beschert, der ihm in der leidenschaftlichen Begierde im Diesseits nicht gewillt war zu erreichen.

Die Interpretation der Künstler Peter und Deutsch ließen mir keinen Raum für negative Kritik, da sowohl das Klavierspiel als auch der Gesang wundervoll Stimmung und Empfindung des Werkes vermittelten. Insbesondere Peters Mimik und Gestik steigerten ob ihrer authentisch wirkenden Ausdrucksstärke das Mitfühlen und -leiden und ermöglichten somit all jenes, was ihnen beizutragen denkbar war. Lediglich die Zappeligkeit und das gefühlte Desinteresse manch anderer Liederabendbesucher störten wie so oft die gänzliche Versenkung in just aufflammende Empfindungen. Dennoch gab es am Ende des Liederzyklus stehende Ovationen und – zu meiner Freude – mehrere Zugaben (u.a. Die Forelle, Der Musensohn), die mir unberufen das mir bis dato unbekannte Schubertlied Der Jüngling an der Quelle (Text: Johann Gaudenz von Salis-Seewis) nahe brachte, mit dessen Text diese Rezension zu einem Abschluss gebracht werden soll:

Leise rieselnder Quell!
Ihr wallenden flispernden Pappeln!
Euer Schlummergeräusch
Wecket die Liebe nur auf.

Linderung sucht‘ ich bei euch
Und sie zu vergessen, die Spröde.
Ach, und Blätter und Bach
Seufzen, Luise, Dir nach!

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