Symptom: Woyzeck!

Der Inhalt ist bekannt: Woyzeck baumelt am Galgen, denn er hat seine Geliebte Marie getötet. Durch ein Experiment dem Wahnsinn verfallen und von seinen Vorgesetzten systematisch unterdrückt, schwenkt seine Hilflosigkeit in Gewalt um, die er an Marie auslässt. Das Opfer wird zum Täter – so weit, so gut. In Woyzeck am Schauspielhaus Graz wird ein Sprung in die Gegenwart gewagt und man sieht das Schicksal eines leidenden Mannes wie eine minimalistische Realityshow, kompromisslos und in bildhafter Sprache.

Die Inszenierung von Oliver Frljic ist fragmentiert wie die Vorlage Büchners und zeichnet sich durch zackige, von klassischer Musik untermalene Sequenzen aus, die auf pathetische Übergänge verzichtet. Wenig Kulisse – eine überdimensionale Spiegelwand sowie Stühle – betont die Wichtigkeit der Sprache für das Stück. Die Sprache zeigt die Verzweiflung und Ohnmacht sowie das Verlieren von Geist und Moral bruchstückhaft, aber realistisch weil sie einfach ist.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Franz Solar stellt mit eindringlicher Radikalität das Zerbrechen des Woyzeck dar. Die restlichen ProtagonistInnen werden ansatzweise charakterisiert, einzig Philine Bührer als Marie bricht aus dem 6er-Gespann an Nebenrollen aus, um stückrelevante Szenen zu vollenden. Die anderen Figuren fließen ineinander (oftmals auch optisch) und das Schicksal des Woyzeck wird dadurch radikaler und rudimentärer. Sehr gelungen! Weniger gelungen ist die Religionskritik, die sich durch das Stück zieht. Sie sollte hervorheben, wie gefangen Woyzeck in seiner Hingabe und Fügung ist, und dass die Religion oft als Machtinstrument benutzt wird bzw. wurde. Aber neben anderen Aspekten wie dem Spiegel (sic!) unserer Gesellschaft oder dem Vergleich mit der Irrationalität des Tieres wirkt diese Motivation zu überladen.

Das Ende (die Hinrichtung Woyzeck’s) zu Beginn zu skizzieren, unterstreicht das Vorhaben Frljic’s, den Kreis rund um den langsamen Abbau der Menschlichkeit mithilfe des Stücks zu schließen. Woyzeck ist auf den ersten Blick ein irrer Mörder, der sich als tragische Figur entpuppt, die vom eigenen System zerstört wird. Der „Vergewaltigte“ führt aus verschiedensten Gründen die Unterdrückung weiter und das Publikum muss zusehen. Den Voyeurismus, eines der signifikantesten Symptome unserer Zeit, in Form einer Spiegelwand zu zeigen…das hätte wohl auch Georg Büchner gefallen. Woyzeck ist eine Fratze aus Misshandlungen, Machtlosigkeit sowie Chaos und WIR, das Publikum, frönt dem Unglück des anderen. Und wer dabei nicht aufpasst wird selbst zum Woyzeck.

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