Die Spannweite von Kunst

Es gehört zu den Wundern unserer Musikgeschichte. Mit einem festlichen Marschthema setzt Mozarts „großes“ Klavierkonzert C-Dur ein und spielt dieses in drei Varianten durch (erst unisono, dann tutti, abschließend kontrapunktisch). Erst daraufhin meldet sich das Soloklavier zu Wort, und wird so bald nicht mehr schweigen, denn sämtliche Innovationen, die der Kopfsatz von dieser Stelle an zu bieten hat, kommen vom Solisten – so auch ein Thema in melodiösem g-Moll, das unmittelbar vertraut erscheint. Der Grund: Es ist das berühmte Eingangs- und Hauptmotiv der 40. Sinfonie, das Mozart hier bereits schüchtern vorwegnimmt.
So betörend schön zaubert sich die musikalische Anspielung in das Gehör des Publikums, das man nahezu verdrossen ist, in der Durchführung nichts mehr davon zu hören zu bekommen. Auch auf das eingangs erwähnte Marschthema wartet der ungeduldige Zuhörer vergebens. Stattdessen wird die ausgesprochen kurze Durchführung durch ein klagendes e-Moll eingeleitet, die bisherige Motivik gänzlich ignorierend. Doch man mag es dem Komponisten verzeihen, denn was wir nicht verschweigen wollen: Diese Durchführung gehört zu den geheimen Höhepunkten dieses Wunderkonzerts.

Wolfgang Amadeus Mozart (Ausschnitt aus einem Gemälde von Johann Nepomuk della Croce)

Wolfgang Amadeus Mozart (Ausschnitt aus einem Gemälde von Johann Nepomuk della Croce)

In Tradition der Sonatensatzform lässt Mozart nun die Reprise folgen. Und wieder bekommen wir das einprägsame Marschthema des Anfangs zu hören. Selbst ein drittes melodienreiches Thema, das wir bereits in der Exposition kennenlernen durften, meldet sich zurück. Nur das vertraute g-Moll-Thema bleibt aus. Erst in der Solokadenz holt Mozart nach, was er in der Durchführung verabsäumt hat und lässt den Solisten alle vorgestellten Themen wiederholen und verarbeiten.
Nach einer Reihe virtuosester Klavierdarbietungen des gefeierten US-Pianisten und Brendel-Schülers Kit Armstrong meldet sich das Orchester unter Dirk Kaftan zurück und beschließt den Satz im anfänglichen Marschthema. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass Armstrongs Kadenz ein weitaus größeres Ausmaß annimmt als in vergleichbaren Interpretationen. So stellt man sich nur zu gerne das große Virtuosentum des 19. Jahrhunderts vor.

(c) Jason Alden

(c) Jason Alden

Der zweite Satz des Klavierkonzerts ist ein verträumtes Andante und zählt zu den berühmtesten Eingebungen Mozarts überhaupt. Und wie es berühmte Eingebungen an sich haben, haftet ihnen ein unvermeidbares Gefühl von Überdruss an. Man denke an Bachs Air aus der dritten Orchestersuite, an das Frühlingsthema aus Vivaldis „Jahreszeiten“, an das Schicksalsmotiv aus Beethovens „Fünfter“, an Mendelssohns Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum“, an Wagner und sein Vorspiel zum „Tannhäuser“, an die Brahms’sche g-Moll-Rhapsodie, an Debussy und sein „Claire de Lune“ – die Liste scheint unerschöpflich. Und doch lässt sich bei all diesen Kompositionen – trotz ihrer scheinbaren Trivialität – ein gewisser Zauber nicht verleugnen. So auch nicht bei Mozarts Andante, das vergangenen Dienstagabend als verträumte Serenade und von gedämpften Streichern getragen wie eine ewige Melodie durch den Grazer Stefaniensaal floss – und immer noch nicht verklungen schien, als der letzte Akkord verstummt war. Für solches Wunderwerk von Musik möchte man sogar den verstörenden und anachronistischen Beinamen „Elvira Madigan“ verzeihen.

(c) Werner Kmetitsch

(c) Werner Kmetitsch

Der Schlusssatz ist voll Witz und Esprit – und bloß dem Anschein nach ein Rondo. Denn nach dem einprägsam-flotten Ritornell lässt Mozart zwar in alter Rondotradition ein Couplet folgen, doch soll es dazu nicht wiederkommen: Der anschließende Verlauf des Allegro vivaces entwickelt sich (nach Wiederholung des Ritornell) zur klassischen Sonatensatzform weiter: Durchführung, Reprise, Solokadenz, Coda. Und auch hier sei auf die Originalität der Durchführung verwiesen: Ein nach so viel Heiterkeit wohltuender Abstieg in betrübtes Moll. Doch allzu freudvolle Gemüter dürfen beruhigt sein: Das heitere Anfangsthema kehrt bald wieder.
Noch einmal darf Kit Armstrong in einer letzten großen Kadenz sein außergewöhnliches Talent unter Beweis stellen, ehe der Triumphbogen zum majestätischen Auftakt des Kopfsatzes geschlossen wird. Schwungvoller hat Mozart in kaum einem anderen Konzert komponiert. Dieser Umstand mag umso verwunderlicher erscheinen, führt man sich vor Augen, dass nur wenige Tage vor diesem Jubelwerk das tief melancholische d-Moll-Klavierkonzert KV 466 entstanden ist. Aus diesem Grund seien jenen Freunden der Klassik, die Mozarts Schaffen in all seinen Facetten und Farben kennenlernen möchten, gerade diese beiden Konzerte ans Herz gelegt. Wer sie einmal gehört, geliebt und verstanden hat, wird sie darin auch immer behalten wollen.

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Die zweite Konzerthälfte wurde durch ein umfangreiches Werk der Moderne ausgefüllt, das aber immerhin ein Alter von knapp siebzig Jahren vorzuweisen hat. Turangalila-Sinfonie nennt es sich, und man mag sich zunächst wundern wie weit der Sinfonie-Begriff doch reicht. Keine Frage, die Grenzen der Sinfonie wurden stetig ausgedehnt: Bei Beethoven, bei Tschaikowski, bei Mahler. Aber eine zehnsätzige Sinfonie?
Die Turangalila-Sinfonie (von Pierre Boulez gehässig „Bordellmusik“ genannt) weist tatsächlich eine so hohe Anzahl an Sätzen auf. Mit herkömmlichen Sinfoniesätzen haben diese aber wenig gemein: So werden dem Hörer zwar verschiedene Themen vorgestellt, auf eine Verarbeitung wartet man jedoch vergebens. Diese Kompositionstechnik muss gemocht und gewohnt sein, hinterlässt sie in unserem traditionellen Verständnis doch den Anschein von Willkür und Unordnung – eine Eigenschaft, die moderne Komponisten auf ihre Spitze getrieben haben. Olivier Messiaen gehört zu jenen Komponisten. Seinen musikgeschichtlichen Rang hat er allen voran seiner Klaviermusik, einer Oper über Franz von Assisi („Saint Francois d’Assise“) und eben jener Turangalila-Sinfonie zu verdanken.

(c) Olivier Messiaen

(c) Olivier Messiaen

Es ist ein Werk, das Chaos stiftet und Chaos stiften soll. Aber wie weit ist dieses Chaos tragbar? Das beseelte Publikum der ersten Konzerthälfte brach in Unruhe aus, als die Pause vorbei war. Denn das, was es nun zu hören bekam, entzog sich dem allgemeinen Verständnis. Und auch mein Verständnis stieß an seine Grenzen. Darf Musik also nicht innovativ sein? Sie darf es nicht, sie muss es! Was hat Beethoven nicht Neues in seiner Sinfonik geleistet? Oder in den Klaviersonaten? Nicht zu vergessen die späten Streichquartette. Hat Richard Wagner durch seine Symbiose aus Musik und Poesie etwa kein Neuland betreten? Oder Anton Bruckner – ein innovativer Geist durch und durch! Seine Sinfonien brechen mit allen bisherigen Traditionen. Nur, was diese Komponisten von Messiaen unterscheidet, ist der Umstand, dass sie zu keinem Zeitpunkt unverständlich werden. Ihre Werke weisen Strukturen auf, mitunter sehr klare. So stellt der klassische Kopfsatz einer Sinfonie seine Themen der Reihe nach vor, um sie anschließend in einzelne Motive zu zerlegen und zu verarbeiten. Das Neuwertige Bruckners ist es, diesem Muster zwar weiterhin treu zu bleiben – allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Bei Bruckner werden also einzelne Motive voneinander losgelöst in den Raum geworfen, um sie in Folge zu einheitlichen Themen zusammenzusetzen. Das ist eine musikalische Logik, der man folgen kann. Die Turangalila-Sinfonie aber wendet sich in einer derartigen Radikalität von jedweder Konvention ab, das von einer musikalisch nachvollziehbaren Struktur nicht mehr die Rede sein kann. Zwar stehen alle zehn Sätze thematisch miteinander in Verbindung, doch in solch unverständlicher Willkürlichkeit, das es selbst dem beflissenen Hörer große Mühe abverlangt, die Komplexität des Werkes zu erfassen.
Könnte man an dieser Stelle nicht den Einwand erheben, dass auch ein Komponist wie Brahms es seinen Hörern nicht leicht gemacht hat? Ein berechtigter Einwand, keine Frage, nur ist die Ästhetik von Brahms‘ Sinfonien und Klavierkonzerten auch ohne tieferes Verständnis greifbar. Was Messiaen aber hinterlässt, ist eine schwere Last von Unordnung und Chaos. Und soll uns Kunst nicht gerade von dieser befreien?

ondes martenot

Eine typische Ondes Martenot, die Messiaen für seine Komposition vorschreibt

„Vita brevis, ars longa“, lehrt uns der Lateiner. Ein Menschenleben reicht nicht aus, um sich die Musikepochen des Barock, der Klassik und Romantik in ihrer gesamten Fülle zu erschließen. Welche Kunst man in sein Leben nimmt, muss behutsam bedacht werden. Ich habe mich bekennend für Mozart entschieden. Und überlasse Olivier Messiaen all jenen, deren Kunstverständnis weiter reicht.

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Als Empfehlung: Wen ich für Mozarts Klavierkonzert KV 467 erwärmen konnte, der sei auf die kommende Veranstaltung ‚Von c zu C‘ im Grazer Stefaniensaal verwiesen. Dort wird das Konzert von Paul Badura-Skoda, einem der größten Pianisten unserer Tage, zur Aufführung gebracht. Man darf gespannt sein!

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