Von c zu C (recreation)

Als Auftakt wählte man Beethovens Coriolan-Ouvertüre: Ein siebenminütiges Vorspiel zu einem gleichnamigen Theaterstück von Heinrich Joseph von Collin. Oftmals liest man, die Ouvertüre sei für William Shakespeares ebenso nach Coriolanus benanntes Drama komponiert, und beraubt Collin dadurch selbst jenes marginalen Ruhmes, der nur noch in Konzertführern und Programmheften seinen Niederschlag findet. Denn machen wir uns nichts vor: Wie Wilhelm Müller ohne Schubert, wäre auch der Dramatiker Collin ohne Beethoven längst in Vergessenheit geraten.
Was der Nachwelt erhalten blieb, ist ein Musikwerk, das in drei großen Themen die Zerrissenheit eines römischen Politikers zeigt, der sich gegen sein eigenes Volk zum Kampf rüstet und dabei in den Zwiespalt politischer Überzeugung und familiärer Bindung gerät. Michael Hofstetter dirigiert die Ouvertüre mit viel Gefühl, und drückt beim Pianissimo der letzten Töne sogar den Zeigefinger an seine Lippen. Die Streicher halten sich an die Anweisung, und lassen das Vorspiel kaum hörbar verklingen.

*

Im Anschluss betrat der große Mann des Abends die Bühne. Paul Badura-Skoda konzertierte bereits unter Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan. Es muss Michael Hofstetter eine ungemeine Ehre bereitet haben, sich in diese ruhmreiche Liste einreihen zu lassen. Gespielt wurde Mozarts Klavierkonzert C-Dur KV 467. Da ich auf dieses Werk in meiner Rezension von vergangener Woche eingegangen bin, werde ich mich an dieser Stelle zu beschränken versuchen.

(c) Jean-Baptiste Millot

Solist Paul-Badura Skoda – (c) Jean-Baptiste Millot

Paul Badura-Skoda gehört zweifelsohne zu den österreichischen Doyens am Klavierflügel, und dennoch: Die Interpretation von Mozarts großem C-Dur-Konzert blieb nicht ohne schalen Nachgeschmack. Das lag nicht zwanghaft am laut-begleitenden Gestöhne, das Badura-Skoda während des Klavierspiels von sich gegeben hat; ist es doch die Eigenheit so mancher Pianisten, mitunter der Größten, man denke an Glenn Gould – nichts also, was unverzeihbar wäre. Unverzeihbar aber ist es, das triumphal-erhabene Allegro Maestoso in solch zügelloser Hektik zu spielen wie Badura-Skoda es am vergangenen Dienstagabend im Stefaniensaal getan hat. Das g-Moll-Thema der Exposition erklang ohne Fluss und abgehackt, der e-Moll-Einstieg in die Durchführung überhastet. Mit Neugierde erwartete man schließlich die Solokadenz des ersten Satzes. Da Mozart keine Kadenz für sein Konzert hinterlassen hat, kreieren Pianisten meist etwas Eigenes. Anders als Kit Armstrong (siehe Rezension von letzter Woche) wählt Badura-Skoda eine klassisch-konventionelle Lösung, lässt die Themen von Exposition und Reprise ordnungsgemäß wiederkehren und variiert sie knapp. Interessant dabei ist der Übergang der Variation des dritten Themas zur Variation des zweiten. Badura-Skoda spielt das dritte Thema nämlich im gewohnten Dur, um es anschließend in Moll-Lage zu transponieren. Damit lässt sich problemlos zu Thema Nr. 2 überwechseln. Ein interessanter Kniff, der mir in keiner Einspielung anderer Interpreten aufgefallen ist.
Nach einem verhältnismäßig souveränen Andante, verfällt Badura-Skoda im Finalsatz erneut einer triebhaft-vorandrängenden Spielweise, die dem feierlichen Charakter von Mozarts Klavierkonzert nicht gerecht wird.
Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass Paul Badura-Skoda im Oktober sein 89. Lebensjahr erreichen wird. Daher sei vor allem auf die jüngeren KV-467-Einspielungen verwiesen, die keine jener Mängel aufweisen, die das hohe Lebensalter unvermeidbar mit sich bringt. Aber so war es bei Rubinstein, so war es bei Horowitz. Und wer will es den gealterten Großmeistern auch übel nehmen?

(c) www.styriarte.com

Dirigent Michael Hofstetter – (c) http://www.styriarte.com

Nach der Pause donnern vier prägnante Schläge durch den Stefaniensaal. Laut seinem Privatsekretär Anton Schindler, habe Beethoven in diesem berühmtesten aller Sinfonieanfänge das „Pochen des Schicksals an die Pforte“ zum Ausdruck bringen wollen. Doch was Eckermann der Litertaur gewesen ist, war Schindler der Musik – und so groß beider Verdienste auch sein mögen, sind sie doch mit Vorsicht zu genießen. Es spielt auch gar keine Rolle, ob hier das Schicksal besungen wird oder nicht. Und doch hat sich die Versinnbildlichung dieser musikalischen Logik – also des Weges vom Dunkel ins Licht, von c zu C – in unserem kulturellen Bewusstsein unwiderruflich verinnerlicht. Dem Werkverständnis hat es nicht geschadet.

Ludwig van Beethoven (Gemälde von Joseph Karl Stieler)

Ludwig van Beethoven (Gemälde von Joseph Karl Stieler)

Beethoven lässt seine fünfte Sinfonie in finsterem c-Moll beginnen: Ta-Ta-Ta-Daa. Das Hauptmotiv ist mit einem Schlag da. Und will so bald nicht mehr verschwinden, denn der gesamte Kopfsatz wird davon bestimmt. Selbst im lyrisch-harmonischen Seitenmotiv schwingt die Rhythmik des Hauptmotivs mit. Die Freiheit weiß sich gegen die Gewalt des Schicksals nicht zu behaupten, und bleibt ein genauso enttäuschter Traum wie kurz nach der dramatischen Durchführung, wenn es zu einem der ergreifendsten Augenblicke der gesamten Sinfonie kommt: Das gesamte Orchester schweigt, nur eine einzelne Oboe singt eine hoffnungsvolle Kantilene, um wenige Takte später bereits wieder von der Allmacht des Schicksals erdrückt zu werden. Auch die Coda des Kopfsatzes lässt keinen Raum für Widerspruch zu, und beschließt den Satz wie er begonnen wurde: In aussichtslosem C-Moll.
Was folgt, ist ein Variationssatz – und wer Beethovens Klaviersonaten kennt, weiß, dass seine Variationssätze zu den schönsten gehören. Ungewöhnlicherweise lässt er seine 12. Klaviersonate sogar mit einem solchen beginnen. Und dass der Schlusssatz aus Beethovens allerletzter Klaviersonate (der 32.) zu den Gipfeln abendländischer Musikkultur gehört, weiß man nicht erst seit Thomas Manns „Doktor Faustus“. Auch in der berühmten „Schicksalssinfonie“ erwartet uns nun also ein tragendes Variations-Andante, das sich von der Wucht des Kopfsatzes radikal abzugrenzen sucht. Es sind Variationen, die allesamt von Hoffnung auf Friede und Freiheit erzählen, fernab der düsteren Schicksalskräfte. Doch die Hoffnung bleibt (noch) ohne Verwirklichung. Am stärksten zeigt sich die vorläufige Unvereinbarkeit zwischen Traum und Wirklichkeit im ansetzenden Marschthema, das von den Blechbläsern in feierlichem C-Dur vorgetragen wird – doch zu keinem endgültigen Ausgang findet, sondern sich bald wieder verliert. Und als kraftlose Glücksvision zurückbleibt.
Im dritten Satz ist die Rhythmik des nun abgewandelten Anfangsmotiv unmittelbar wiederzuerkennen. Ein Streicher-Trio unterbricht das schauerliche Szenario für einen Augenblick, um es kurz darauf genauso entschieden zurückkehren zu lassen. Und doch ist eines nicht zu unüberhören: In diesem dritten Satz tönt auch die Feierlichkeit des zweiten nach. Wir haben es also mit jener direkten Auseinandersetzung zu tun auf die wir zwei Sätze lang gewartet haben, allerdings wird noch keine Entscheidung getroffen. Vielmehr dient dieses Scherzo als Vorspiel auf den finalen Satz. Jedoch läge mir nichts ferner, als diesem dritten Satz seine Eigenständigkeit abzusprechen: Welch Erschütterung dieses „Vorspiel“ auszulösen vermag, belegt eine Anekdote Robert Schumanns, der ein Kind im Konzertsaal hat rufen hören: „Ich fürchte mich!“ – Es war an jener Stelle, in der die unerträglich-spannungsreiche Coda zum jubelnden Schlusssatz überleitet.
Und endlich! Man darf wieder aufatmen: Alle bösen Kräfte sind gebannt und ein Triumphmarsch in glanzvollem C-Dur bricht los. Die Ketten der Unterdrückung werden abgelegt, die Revolution hat gesiegt. So jedenfalls muss die Fünfte gedeutet werden, wenn man sie wie Michael Hofstetter als „politische Sinfonie“ versteht. Ob man sich diesem außermusikalischen Bezug anschließt oder nicht, eines steht fest: Beethovens fünfte Sinfonie bleibt auch nach über 200 Jahren ein musikalisches Faszinosum höchsten Ranges.

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