Woyzeck – menschliche Abgründe auf der Bühne

Hat er schon seine Erbsen gegessen, Woyzeck? fragt der Doktor, der Woyzeck als Versuchskaninchen für seine Experimente missbraucht. Dieser Satz fällt auch in Oliver Frljićs Inszenierung von Georg Büchners Dramenfragment im Grazer Schauspielhaus, ansonsten ist diese Woyzeck-Interpretation sicher vieles, nur nichts für zart besaitete Menschen.

Woyzeck, der gehetzte, unterwürfige, arme Soldat (grandios gespielt von Franz Solar) tut alles, was man ihm sagt, um seine Marie und sein Kind zu unterstützen – sich ausschließlich von Erbsen ernähren, den Hauptmann rasieren – aber alles ist dennoch nie genug. Bis das Opfer – von Eifersucht, seinem Wahn oder dem Versuch aus der Gesellschaft auszubrechen getrieben wird nicht klar deutlich – selbst zum Täter wird, und seine Marie ersticht.

In der Grazer Inszenierung liegt der Fokus deutlich auf der Darstellung des Machtgefälles der Gesellschaft. Woyzecks Beziehung zu Marie und auch seine Eifersucht bleiben im Hintergrund. Außer Woyzeck wird keine der Figuren als Individuum erkennbar. Sie bleiben als Rollen austauschbar – wichtig ist am Ende nur, dass sie die Mächtigen sind, diejenigen, für die die Schwächeren verfügbar sein müssen; von denen die Unterdrückten missbraucht werden. Jegliche Kategorisierung, durch die man sie fassen könnte – sogar die Geschlechtsidentität – bleibt im Dunkeln. Sechs Schauspielerinnen schlüpfen zeitgleich in das jeweilige Gegenüber von Woyzeck. Dass ist durchaus gelungen, da durch die ungleiche Verteilung (1:6) das Machtgefälle noch weiter verstärkt und sichtbarer werden lässt. Auch der psychotische Zustand Woyzecks wird dadurch dem Zusehenden näher gebracht.

WOYZECK Florian Köhler, Franz Solar, Franz Xaver Zach

Florian Köhler, Franz Solar, Franz Xaver Zach (c) Lupi Spuma

Die Unterdrückung Woyzecks wird sehr explizit und teilweise pornographisch illustriert – Woyzeck wird geschlagen, getreten, muss wie ein Hund apportieren; wird zu sexuellen Handlungen gezwungen. Das Ausmaß der psychischen und physischen Erniedrigung, die Woyzeck erleiden muss, geht deutlich hervor. In den meisten Szenen wirkt dies sehr beklemmend und vermittelt den Zusehenden ein klares Bild der Umstände – für nicht hart gesottene Zuseher*innen werden dadurch sehr wahrscheinlich die Grenzen des Akzeptablen überschritten. Als präventive Abhärtungsmaßnahmen können der Trailer zu Woyzeck – siehe unten – oder jeglicher Fernsehkonsum (auf eigene Gefahr!) empfohlen werden. Jedoch gibt es auch Szenen, in denen die Umsetzung in einem Ausmaß übersteigert wird, sodass sie zu einer Parodie verkommt, beispielsweise wenn Woyzeck von mächtigen Tieren – bildlich gesprochen, da die Schauspielerinnen mit übergestülpten Tiermasken auftreten – zum Blowjob an einer Karotte gezwungen wird.

Ein anderer Aspekt – der Einfluss der christlichen Religion auf das Geschehen – wird auch im Stück aufgegriffen, bleibt aber vor allem im Kontrast zur eben illustrierten Handlung im Hintergrund gefangen. Seine Sicht auf die Wirklichkeit,  sein Schwanken zwischen Wahn und Sinn – der Blick in Woyzecks Innenwelt gelingt dem Stück größtenteils. Wozu Menschen fähig sind, wird deutlich sichtbar, wie es auch der oft zitierte Satz aus Woyzeck noch immer auf den Punkt bringt:

Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hineinsieht.

Nächsten Mittwoch gibt es noch einmal die Möglichkeit, sich das Stück im Schauspielhaus anzusehen.

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