Woyzeck – Oder: Wie weit geht die inszenatorische Freiheit?

Mit einer sich weit vom Original entfernenden Interpretation präsentiert Regisseur Oliver Frljić – bekannt für extreme und provozierende Arbeiten – eine mutig-liberale und kontroverse Inszenierung am Schauspielhaus Graz.

Der Inhalt von Georg Büchners Dramenfragment ist bekannt: Der Protagonist Franz Woyzeck tut alles, um seine Geliebte Marie und das gemeinsame Kind zu unterstützen. Dazu stellt er sich in den Dienst des Hauptmannes und eines experimentierfreudigen Arztes, die ihn in jeglicher Hinsicht missbrauchen und erniedrigen. Als Marie anderweitig eine Affäre beginnt, tötet Woyzeck sie in seiner verrückten Eifersucht.

Diese knappe Handlung erfährt in Frljićs einstündiger Inszenierung eine starke Ausdifferenzierung. Kurz und schmerzvoll lautet die Devise. Werden im ersten Drittel noch gesellschaftlich-philosophische Grundfragen des menschlichen Handelns thematisiert (Was ist die Moral? Wer ist moralisch?), unterliegt der Rest des Stückes seiner grotesk-brutalen Seite und wirkt im Gesamten verstörend. Es werden moralische, sexuelle und anthropologische Grenzen überschritten und Rollenbilder aufgelöst; Hund und Herrchen, Mann und Frau, Untertan und Obrigkeit, Opfer und Täter. Dominanz und Unterwürfigkeit gehen fließend ineinander über.

Ungeachtet des persönlichen Gefallens oder Missgefallens der Inszenierung ist dem Ensemble in darstellerischer Hinsicht Lob zuzusprechen: Allen voran Franz Solar, der in der Rolle des – teilweise neu erfundenen – Woyzeck die Vielschichtigkeit dieses Charakters gut zum Ausdruck bringt. Auch das innovative Einsetzen eines Spiegels, um die Grenze zwischen Bühne und Publikum zu überwinden, ist gut gelungen.

woyzeck

WOYZECK Ensemble (c) Lupi Spuma

Den Verfall und die Dekadenz der Gesellschaft zu porträtieren ist sichtlich Absicht des Regisseurs, dem freilich Interprations- und Inszenierungsfreiheit zusteht. Allerdings kann hinterfragt werden, wie weit diese gehen darf/soll. Dem Publikum steht es dementsprechend auch zu, die Explizitheit extremer und pornographischer Darstellungen abzulehnen. Dass Einige der provokativen Elemente ins Parodienhafte gelangten, zeigte das Lachen des Publikums an Stellen, deren Tiefgründigkeit im zeitweise wahllos und zusammenhanglos erscheinenden Potpourri nicht mehr ersichtlich war.

So manches schockierendes Element fällt in die Kategorie gesellschaftliches „Tabu“; wir wissen Bescheid, doch wollen wir sie in der Öffentlichkeit ignorieren und ja nicht thematisieren. In Woyzeck hingegen bekommen wir die nackte Wahrheit präsentiert. In diesem Sinne scheinen auch die Missbrauchsskandale im Zusammenhang mit der katholischen Kirche Eingang in die Inszenierung gefunden zu haben. Kritik ist grundsätzlich legitim, aber das Parodieren christlicher Elemente grenzte schon an Respektlosigkeit.

Man kann wegschauen und entsetzt den Kopf schütteln, oder aber über die anfänglische Schockierung hinaus auf die dahinterstehende Absicht blicken. Dies sei jedoch dem persönlichen Geschmack und der eigenen Einstellung überlassen. Woyzeck ist daher wohl mit Abstand das am stärksten polarisierende Stück der nun auslaufenden Spielsaison. Wer es nicht zur letzten Aufführung geschafft hat, der sei auf das folgende Video verwiesen: Woyzeck Schauspielhaus Graz

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