Die etwas andere Kommune

Sebastian Klein macht kurz vor halb Acht dem Publikum per Megaphon klar, dass der heutige Abend anders wird als erwartet. Er und Michael Ronen laden in ihre Kommune ein, die sich praktischerweise auf der Hauptbühne des Schauspielhauses befindet. Hier hat man es sich 2018 gemütlich gemacht, da es draußen eher ungemütlich sei – man protestiere gegen den Umbau des Hauses in ein Luxushotel. Katharina Klar, mit dem Fahrrad eine Waschmaschine antreibend, erzählt stolz, dass es sich hier um ein durchwegs autarkes und ökologisches Zusammenleben handelt. Birgit Stöger, Kasper Locher und Jan Thümer zeigen ebenfalls Errungenschaften der Kommune vor und kommen aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Nach einem Rundgang nimmt das Publikum dann doch in den Reihen Platz und begibt sich in die Arme (sic!) der „Occupy Schauspielhaus“.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Der Abend IST anders als erwartet – verrückt und sinnig zugleich, ein Blick hinter die Kulissen, vor allem hinter jene der SchauspielerInnen selbst. Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht spiele? Wer bin ich mit dem Publikum, wer ohne? Habe ich die Rolle inne oder die Rolle mich? Man hinterfragt bisher Gespieltes, versucht aus festgefahrenen Rollen – auch innerhalb der Kommune – zu entkommen und reflektiert anhand von vergangenen Stücken sein Dasein in der Schauspielwelt. Auch die Schwierigkeiten des Zusammenlebens werden aufgezeigt – Zusammenraufen auf engstem Raum ist gefragt, Konflikte müssen ausgetragen oder verschwiegen werden. Yael Ronen und ihr Ensemble schaffen es wieder einmal Charaktere und Ideen so auf die Bühne zu bringen, dass man lieber mittendrin statt nur dabei ist.

Aber WIR, das Publikum, sind ohnehin Teil des Stücks – Teil seiner Botschaft. Diese wird uns eingetrichtert– immer wieder. Wir seien dafür verantwortlich dies hinauszutragen, den Wert zu verstehen und weiterzuleiten. Ohne uns ist die Zukunft des Theaters fragwürdig – man lebe doch vom Publikum! Eine Wahrheit, die auch das Theater als Spiegel der Gesellschaft zeigt; die Symbiose zwischen Publikum und Bühne – ein stetiges Geben und Nehmen erklärt die gesellschaftliche Funktion des Theaters. Als Raum um über grundsätzliche Bedürfnisse hinaus zu denken, als Raum um zu flüchten oder als Raum Ernstgemeintes spielerisch an das Publikum zu bringen. Dies gelingt mit dem Stück bravourös und wenn man ehrlich ist, spielt jeder selbst oft genug „Theater“ – so schließt sich der Kreis.

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