Dvorak pur: in Purpur und G-Dur

Am 27. und 28. Juni fand im Rahmen der styriarte der Konzertabend Dvořák pur statt, der aufgrund einer krankheitsbedingten Absage Nikolaus Harnoncourts von der jungen amerikanischen Dirigentin Karina Canellakis geführt wurde. Gemeinsam mit dem Chamber Orchestra of Europe wurden zwei Werke Dvořáks dargeboten, wobei versucht wurde, der sinfonischen Dichtung Das goldene Spinnrad durch die Aufführung als Gesprächskonzert einen zusätzlichen Reiz zu verschaffen.

Der kurzfristige Dirigentenwechsel wurde (aus künstlerischer Sicht unnötig) sehr ausführlich behandelt, sowohl im Rahmen des Begrüßungsgesprächs mit Frl. Canellakis als auch durch ein Kurzvideo, das die junge Dirigentin im Gespräch mit Harnoncourt zeigte. Offenbar sollte die Thematisierung des Fernbleibens des schillernd in Szene gesetzten Zugpferdes klassischer Darbietungen den Besuchern die Enttäuschung nehmen und auch die Entscheidung rechtfertigen, eine unerfahrene Dirigentin anstelle des Altmeisters dirigieren zu lassen. Tatsächlich vermochte es Karina Canellakis, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen, indem sie amerikanischen Charme, Attraktivität und die Faszination des Ungewöhnlichen („Dirigieren ist für eine Frau untypisch“) zu einer Mischung kombinierte, die es ermöglichte, wortlos über die Schwächen beim Dirigieren hinwegsehen zu lassen. Alles in allem bot sie jedoch eine passable Vorstellung.

Karina Canellakis (c) Todd Rosenberg Photography 2014

Karina Canellakis (c) Todd Rosenberg Photography 2014

Das goldene Spinnrad (op. 109) wurde zunächst laiengerecht erörtert, verschiedene Themen wurden vorgestellt und eine Kurzfassung des recht unbekannten Märchens wurde geboten (König liebt Mädchen, dessen Hände, Füße und Augen entfernt wurden etc.), um es schließlich in seiner vollen Länge (endlich kommentarlos) aufzuführen. Wie notwendig die Umsetzung als Gesprächskonzert war, böte Stoff für lange Diskussionen, musste aber auf alle Fälle hingenommen werden und konnte glücklicherweise der Schönheit des Stücks nichts anhaben. Lediglich jenen Besuchern, die Das goldene Spinnrad zum ersten Mal hörten, wurde die unmittelbare Empfindung genommen, das Werk als Ganzes vorbehaltslos auf sich wirken zu lassen. Erfreut verabschiedete man sich hernach in die Pause und man konnte von allen Seiten begeisterte Kommentare zur jungen Dirigentin aufschnappen, die bereits zu jenem Zeitpunkt zum Publikumsliebling geworden war. Von der Musik wurde kaum gesprochen.

Nach der Pause folgte Dvořáks 8. Symphonie (in G, op. 88), deren sehr bekannter dritter Satz sich herrlich in jene musikalische Großleistung einbettet, die Dvořák damit gelungen war. An den ersten Satz (Allegro con brio), in dem die Lebensgeister der böhmischen Natur erwachen und in welchem das pastorale Hauptthema von der Flöte vorgetragen wird, schmiegt sich, harmonisch unbedenklich, der zweite Satz (Adagio), der zunächst melancholisch, späterhin auch beschwingt und leichtfüßig den schmachtenden Zuhörer weiter auf der Reise durch phantasievolle Landschafen führt und endlich in die Herrlichkeit des oben erwähnten dritten Satzes (Allegretto grazioso) – mit Pause – übergeht. Man bemerkt auch hier die Einflüsse Tschaikowskys, besonders in der speziellen Form des walzerartigen Stils des Satzes. Trompeten eröffnen schließlich den Schlusssatz (Allegro, ma non troppo) und führen durch ein triumphales Ende, das jene Symphonie, die keine neue Welt benötigt, um die alte Welt auch in unserer heutigen Zeit hochleben zu lassen, pathetisch und berührend beendet. Die Intensivität der Symphonie wurde also (erfreulicherweise) nicht durch moderne Unterhaltungszusätze ergänzt und durfte durch jenes wirken, durch was sie ursprünglich auch wirken sollte: die Musik.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s