Missa Solemnis in D-Dur op. 123

Beethoven nannte sie „das gelungenste seiner Geistesprodukte“, und tatsächlich: Noch heute zählt die Missa Solemnis neben der Appassionata, der Neunten oder den späten Streichquartetten zu den herausragendsten Leistungen des Komponisten. Dass es sich hierbei um eine geistliche Messe handelt, verleitet zu falscher Ehrfurcht – als ob es einen konfessionellen Zugang benötige, um die Matthäuspassion oder das deutsche Requiem zu lieben. Bei Beethovens großer Messe (die „kleine“ in C-Dur wird kaum noch aufgeführt) ist alle Ehrfurcht sogar noch weniger begründet, schließlich wäre dem späten Beethoven nichts ferner gelegen, als ein rein geistliches Werk zum liturgischem Gebrauch zu komponieren. Wer sich durch diese falsche Herangehensweise abschrecken lässt, verkennt nicht nur die Aufführungsgeschichte der Messe (die niemals für die Kirche, sondern stets für den Konzertsaal gedacht war), sondern auch ihre eindeutig politische Komponente. So gibt es im Rezitativ des Agnus Dei eine jedes Mal aufs Neue berührende Stelle, in der zunächst nichts zu hören ist außer ein paar trockenen Paukenschlägen. Eine unruhige Streicherfigur tritt hinzu, dann blasen die Trompeten auf. Jeder weiß: Es herrscht Krieg. Und plötzlich hören wir die Solisten und den Chor um Frieden bitten. Es kommt zur schnellsten Stelle des gesamten Werkes.
Doch sind es nicht nur die unfassbaren Tempi (man denke an das stürmische Chorfinale des Credo), durch die Beethoven seine Interpreten bis an die Grenzen des Möglichen drängt: Auch mit kaum zu überwältigenden Tonlagen müssen Chor und Solisten zurande kommen. Doch wie Nikolaus Harnoncourt, Dirigent der vergangenen drei Missa-Solemnis-Aufführungen im Grazer Stefaniensaal, im Rahmen seiner in Buchform veröffentlichten Mozart Dialoge so treffend bekennt: „Bei Beethoven ist das Scheitern ein Teil des Werks.“ Ein wahres Wort, denn wer ist auch nicht gescheitert? Keinem Dirigenten – nicht einmal Klemperer oder Karajan – ist es gelungen, allen Anforderungen der Missa Solemnis gerecht zu werden. Aber ist das Ringen um Perfektion nicht ungemein spannender als Perfektion selbst?

Nikolaus Harnoncourt - (c) Günter R. Artinger

Nikolaus Harnoncourt – (c) Günter R. Artinger

Nikolaus Harnoncourt hat vergangenen Freitag nur mit großer Mühe und zwei Krücken die Bühne zur Generalprobe seiner Missa Solemnis betreten. Sobald jedoch das Kyrie majestätisch begonnen hatte, war der 85-jährige Großdirigent in seinem Element und interpretierte das berühmte Messwerk frei von jeder Archaik oder übertriebener Feierlichkeit. Stattdessen gelang es Harnoncourt vor allem die oftmals vernachlässigte Zärtlichkeit des Werkes – wie beispielsweise im traumhaft-idyllischen „Gratias agimus tibi“ – zu beleben. Selbst im thematisch eintönigen (und deshalb in schwachen Interpretationen enttäuschenden) Violinsolo des Benedictus wurde die sanfte Komponente der Missa spürbar: Ein großes Lob an Konzertmeister Erich Höbarth!
Auch die vier Solisten (Sopran, Alt, Tenor, Bass) haben zum Erfolg der Aufführung entscheidend beigetragen. Selbiges gilt für den Arnold-Schoenberg-Chor.
Interessant scheint auch der Umstand, dass Nikolaus Harnoncourt die Messe an diesem Wochenende zum ersten Mal mit seinem Concentus Musicus interpretiert hat. Allerdings war ein signifikanter Unterschied zur nicht-historischen Einspielung mit dem Chamber Orchestra of Europe aus dem Jahr 1992 kaum wahrnehmbar, weshalb sich der Concentus auch seit jeher auf Renaissance- und Barockmusik spezialisiert hat. Dennoch weckt es Neugierde, zu beobachten, wie das Orchester ihr Repertoire allmählich bis ins frühe 19. Jahrhundert erweitert.

Für all jene, die den Altmeister nicht im Konzert erleben durften, sei tröstend auf diese Probeaufnahmen zur diesjährigen Styriarte verwiesen: https://vimeo.com/132809845

Das weitere Programm zur Styriarte ist unter folgendem Link abrufbar: http://styriarte.com/styriarte/programm/

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