Merlin hinterlässt ein wüstes Land

Alles neu im Schauspielhaus. Neue Intendanz, neues Design und neues Ensemble. Das Premierenstück unter der Intendanz von Iris Laufenberg tischt dementsprechend groß auf. In einer annähernd vier Stunden langen Darbietung von Tankred Dorsts Interpretation der Artussage begeistert das Team unter Regie von Jan-Christoph Gockel mit einer großartigen Ensembleleistung.

Seit Monty Python hat man vermutlich keine derart amüsante Herangehensweise an diesen dystopischen Stoff gesehen. Mit einem Hang zum Klamauk lässt sich die eigentliche Misere des Stückes vergessen: Merlins Bestimmung, die Erlösung der Welt zum Bösen scheitert genauso kläglich wie seine Versuche das Gute im Menschen gewinnen zu lassen.

MERLIN Michael Pietsch, Julia Gräfner, Franz Solar (c) Lupi Spuma

MERLIN Michael Pietsch, Julia Gräfner, Franz Solar (c) Lupi Spuma

In drei Teile untergliedert werden die einzelnen Stränge der Sage zusammengeführt. Um vier Stunden Inhalt folgen zu können werden verschiedenste Techniken gewählt die wohl aufeinander abgestimmt sind: Marionettenspiel wird nicht nur als Erzählform des Stückes sondern auch als Erzählform im Stück verwendet. Dazu kommen kleine Magierspiele mit Feuereffekten und eine wahnsinnig intensive musikalische Untermalung, die in ihrer enormen Lautstärke äußerst durchdringend ist. Immer wieder treten die Schauspielerinnen und Schauspieler aus ihren Rollen heraus und erklären Vorgänge auf der Bühne und ihre eigenen Motive. Teilweise verschmelzen die Grenzen zwischen Rolle und Darsteller ganz und gar, dann wird die eigene Person mit in die Rolle genommen. Beispielweise wenn Michael Pietsch gegen Ende als Merlin eine Hasstirade auf die unfähige Menschheit loslässt, die es nicht zu schaffen vermag die Welt zu einem besseren Ort zu gestalten, so bezieht er auch seine persönliche Arbeit in diesen Prozess mit ein, die er allein mit dem Schnitzen der über 20 Puppen und Marionetten verschwendet zu haben scheint.

Generell muss man diese Arbeit in höchsten Tönen loben. Die einzelnen Puppen und Marionetten sind großartig. Insbesondere die Ausarbeitung des Galahad ist entzückend. Mit rollenden Augen und einer herzergreifenden Geschichte von der Verstoßung durch den eigenen Vater Lancelot wird auch die Zeitebene im Stück völlig entankert und die mittelalterliche Sage in die heutige Zeit mit Telefon und Frust-Nutella versetzt. Zwischenzeitlich wird zudem die Tafelrunde in die Zeit der Aufklärung portiert. An dieser Stelle nimmt das Stück dann zusätzlich Bezug zur heutigen Tages- und Flüchtlingspolitik. Es ist ein bitterböser Moment, wenn Mordred das zuvor auf die Bühne in die Tafelrunde eingeladene Publikum zurück ins Meer schickt, weil sie doch nicht erwünscht sind.

MERLIN Michael Pietsch, Franz Solar, Raphael Muff & Benedikt Greiner (c) Lupi Spuma

MERLIN Michael Pietsch, Franz Solar, Raphael Muff & Benedikt Greiner (c) Lupi Spuma

Bleibt noch das Bühnenbild zu erwähnen. Ein riesiger Baum füllt die Bühne nahezu aus. Häufig mit Nebel umhüllt bietet er den perfekten Schauplatz für düstere Szenen und Missverständnisse. Es wird in ihm, an ihm und um ihn herum gespielt. Er bietet das Zuhause für Parzival und seine Mutter (übrigens, ein sehr erheiternder Gender-Switch), um ihn herum wird die Tafelrunde errichtet und letztendlich wird er in seine Einzelteile zerlegt. Derart wie mit Äxten auf ihn eingedroschen wird muss man sich fast Gedanken um die nächste Aufführung machen.

Tankred Dorsts Stück wurde 1981 in Düsseldorf uraufgeführt. Die hier präsentierte Fassung wurde noch einmal modernisiert und für Graz adaptiert. Untermauert wird dies u.a. durch einen steirischen Schreinermeister und insbesondere auch musikalisch durch die Einbindung von Musikstücken wie Billie Jean oder Black Hole Sun, die erst später veröffentlich wurden. Beide übrigens aufgeführt von Rittern der Tafelrunde und allein der Moonwalk im Ritterkostüm mit Glitzerhandschuh (Raphael Muff) verdient den höchsten Respekt.

Sicherlich, vier Stunden sind lang. Aber das, was das Schauspielhaus hier auf die Bühne gebracht hat, lässt vier Stunden sehr kurzweilig erscheinen. Der Applaus zum Abschluss ist sehr frenetisch ausgefallen. Zu Recht.

 

– – – – – – – – – – –

Weitere Informationen zum Stück und zu den nächsten Terminen entnehmt ihr der Homepage des Schauspielhauses.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s