Dissonanzen und die Harmonie der Empfindung

Das 1. Kammerkonzert des Jahres vom Musikverein Graz bot am 28. September drei eher weniger bekannte Werke dreier wohlbekannter Komponisten, die das Belcea Quartett (bestehend aus Corina Belcea, Axel Schacher, Krzysztof Chorzelski, Antoine Lederlin) äußerst gediegen vortrug und durch eine glücklich gewählte Zugabe ergänzte.

Streichquartett Nr. 19 (Mozart, aus dem 1. Satz)

Mozarts Streichquartett Nr. 19 (aus dem 1. Satz)

Zu Beginn wurde Mozarts Streichquartett Nr. 19 in C-Dur (KV 465) geboten, das aufgrund seiner ersten Takte des Einleitungs-Adagios als Dissonanzenquartett bekannt wurde. Was für die damals „harmonieverwöhnten“ Ohren ungewohnt und teilweise schlicht falsch klang, mag für den heutigen Hörer, der ganz andere Dissonanzen (insbesondere im Rahmen der sog. Neuen Musik) gewohnt ist, ganz harmonisch und „klassisch“ klingen, sofern man es verabsäumt, sich gänzlich auf das musikalische Gespür und die historische Kenntnis einzulassen bzw. zu beziehen.

Es war daher sehr interessant, im zweiten Teil der ersten Konzerthälfte mit Anton Webern konfrontiert zu werden, dessen Fünf Sätze für Streichquartett (op. 5) dem Hörer Dissonanzen völlig anderen Kalibers in aphoristischer Kürze boten und die (hier bewusst deminutiv ausgedrückten) Dissonänzchen von Mozarts Streichquartett nicht mehr als jenes empfinden ließen, was man zu Mozarts Zeiten noch mit der Frage „Hat es der Verfasser vielleicht gethan, um den Spieler mit Schande zu bedecken, oder dass die Zuhörer schreyen mögen, er distoniert?“ womöglich zurecht verlachen durfte. Die Meinung des Verfassers dieser Zeilen soll hier nicht dargebracht werden, aber es sei mir die Anmerkung gestattet, dass Originalität erfrischend, aber durchaus auch erschreckend (sic!) wirken kann – …

Anton Webern

Anton Webern

Nach der Pause bot das Belea Quartett schließlich noch eine der schönsten Streichquartette Beethovens dar, das Streichquartett Nr. 14 in cis-Moll (op. 131), dessen ungewöhnliche Länge und Aufbau (7 Sätze!) erst zu jenem führen konnte, was für jenes Quartett von großer Wichtigkeit ist: ein langer Weg zu einer großen Empfindung! Spätestens aber inmitten des 4. Satzes (Andante ma non troppo e molto cantabile) beginnt die Musik zu lodern und entflammt– wenn man sich darauf einlässt – mit dem feurigen Presto und schließlich dem herrlichen abschließenden Allegro zu einer gefühlsbetonten Wucht, deren Ausdruck sich in starren Blicken und entrückender Schönheit darzustellen vermag. Mit großer Freude konnte die Anspannung durch tobenden Applaus gelöst werden, um entzückt und erfreut nach einer kurzen (und vom Publikum beinahe erzwungenen) Zugabe den Stefaniensaal zu verlassen.

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