Ein Quartett und zwei Schulen

Zwei Geigen, eine Viola und ein Cello. Seit seiner Entstehung im 18. Jahrhundert gilt das Streichquartett als die Königsdisziplin der Kammermusik. Und wie viel Raum zur Entfaltung diese Musikgattung zu bieten imstande ist, zeigte das Programm des Grazer Musikvereins am vergangenen Montag im Rahmen seines 1. Kammerkonzerts der neuen Saison. So setzte man mit den beiden Klassikern Mozart und Beethoven einerseits, sowie dem modernen Komponisten Anton Webern andererseits den Schwerpunkt auf die einstige Musikmetropole Wien, in der sich zwei bedeutsame Schulen entwickelt haben; zwei Schulen, die freilich unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch war es gerade diese frappante Gegensätzlichkeit, die zum Reiz des Abends ihren Beitrag leistete.

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Das in London gegründete Belcea Quartett wählte seinen Auftakt mit Mozarts KV 465, das wegen seiner kühn-dissonierenden Adagio-Einleitung auch Dissonanzen-Quartett genannt wird. Auffallend an diesem Quartett ist vor allem sein finsterer Charakter, der sich bloß im dritten Satz – klassischen Formregeln folgend, ein Menuett – einem freudvolleren Duktus unterordnet. Doch auch hier: Ein mollgetrübter Trioteil, der bereits auf die düstere Entwicklung des Schlusssatzes vorausdeutet. Wie häufig wird Mozart der „Kunst der leichten Muse“ zugeordnet? Wie oft sein Streichquartett-Schaffen auf die bloße Vorgänger-Funktion des großen Beethoven beschränkt? Davon konnte Montagabend keine Rede sein: Das Belcea Quartett hat Mozart jenes Maß an Ernst und Ehrfurcht entgegengebracht, das ihm in vollstem Ausmaß zusteht.
Mit Anton Weberns Fünf Sätze für Streichquartett, op. 5 wurde der Zweiten Wiener Schule im Umkreis Arnold Schönbergs Tribut gezollt. Die Bewältigung dieses Schlüsselwerkes der Moderne belegte die künstlerische Vielfalt, die das Belcea Quartett zu leisten imstande ist.
An Mozart anknüpfend wurde die zweite Konzerthälfte von Beethovens op. 131, dem siebensätzigen Streichquartett Nr. 14 in cis-Moll, ausgefüllt. Besonders die Schwermut der Adagio-Fuge des Kopfsatzes wurde vom Belcea Quartett hervorragend, da nicht zu aufdringlich, porträtiert – und klang dem aufmerksamen Hörer noch lange nach Ende des gelungenen Konzertabends durch den Kopf.

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