Mein Kampf (Schauspielhaus Graz)

Es zählt zu den berüchtigsten und umstrittensten Büchern des 20. Jahrhunderts. Nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen seines Verfassers: Die Rede ist von Adolf Hilters politischer und privater Bekenntnisschrift Mein Kampf.
Nicht wegen seines Inhalts also polarisiert dieses Buch? Zumindest nicht ausschließlich. Denn was der vom deutschen Schauspielkollektiv Rimini-Protokoll veranstaltete Themenabend zu Adolf Hilters Mein Kampf gezeigt hat: Die ideologische Streitschrift bildete in Jahren der Ersten Republik keine Ausnahme. Vielmehr kann von einer völkischen Literatur gesprochen werden, die eine Großzahl an Werken mit vergleichbarem Inhalt und Ausdruck hervorgebracht hat. Somit muss festgehalten werden, dass der entscheidende Grund, weshalb unsere Gesellschaft heute noch über Mein Kampf debattiert, der Umstand ist, dass es sich beim Verfasser dieses Buches zeitgleich um den größten Massenverbrecher der Menschheitsgeschichte handelt.

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Leider aber fiel der weitere Informationsgehalt des Abends bescheiden aus. So zeigte sich das Publikum auch über den Titel Mein Kampf. Band 1 & 2 irritiert, da dieser den Anschein erweckt, der Theaterabend würde den Inhalt des Werkes chronologisch zu erarbeiten versuchen. Das Bestreben des Rimini-Protokolls war jedoch ein anderes: Nicht Mein Kampf selbst, sondern die Debatte, die darüber geführt wird, sollte in den Vordergrund gerückt werden. Eine berechtigte Intention, schließlich spaltet Mein Kampf derzeit unsere Gesellschaft mehr denn je: Der Verfasser ist seit siebzig Jahren tot, womit die Urheberrechte mit Ende des Jahres auslaufen. Am 6. Januar 2016 soll sogar eine kommentierte Neuerscheinung auf den freien Markt gelangen. Doch statt die Problematik ausführlich zu thematisieren, wird zu viel Zeit für triviales Unterhaltungsbestreben geopfert. Am ärgerlichsten dabei ist, dass dem historisch und politisch interessierten Publikum in wiederholter Penetranz die Lieder eines – am Rimini-Protokoll mitwirkenden – Rappers aufgedrängt werden. Der Zusammenhang zum thematischen Schwerpunkt bleibt nicht immer ersichtlich. Auch die Sinnhaftigkeit einer einstudierten Ja-Nein-Aufteilung über themenbezogene Fragen erreicht wenig Aufschluss.
Umso größer wirkt die Enttäuschung, da das Vorhaben des Kollektivs Potential – und somit eine dementsprechende Erwartungshaltung an den Zuschauer – geboten hat. Weder das Potential, noch die Erwartungshaltung wurden erfüllt. Stattdessen musste sich das Grazer Publikum mit einer gesanglichen Darbietung des Kinderliedes Hoppe, hoppe, Reiter begnügen. Die Ernsthaftigkeit der selbst gewählten Thematik schien dem Rimini-Protokoll zu keinem Zeitpunkt bewusst zu sein.

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