In Einzelteile ZERSPLITTERT

Im Haus 2 des Schauspielhaus Graz wird zurzeit das Stück Zersplittert von Alexandra Badea, das 2013 mit dem Grand Prix de Littérature Dramatique ausgezeichnet wurde, unter der Regie von Nina Gühlstorff aufgeführt. Das Stück behandelt einen – wie es scheint – immerwährend aktuellen Diskurs: das (Über-)Leben in der heutigen Arbeitswelt, und die Frage, ob ein solches Leben überhaupt lebenswert sein kann.

Die Handlung wird erzählt von vier Personen, die in vier verschiedenen Städten, in vier unterschiedlichen Positionen, jedoch für dasselbe Unternehmen, arbeiten: eine Fließbandarbeiterin in China (Tamara Semzow), ein Callcenter-Teamleiter in Dakar (Pascal Goffin), eine Entwicklungsingenieurin in Bukarest (Philine Bührer) und ein Qualitätsmanager aus Frankreich (Nico Link). So wenig sie auf den ersten Blick miteinander zu verbinden scheint, desto mehr haben sie beim zweiten Hinsehen miteinander gemein: Sie sind in ihrer Arbeit, um die sich ihre ganze Existenz dreht, gefangen, ohne die Chance zu haben, aus ihrem Hamsterrad auszubrechen.

Tamara Semzow, Pascal Goffin, Philine Bührer, Nicole Link © Lupi Spuma

Tamara Semzow, Pascal Goffin, Philine Bührer, Nicole Link © Lupi Spuma

Abwechselnd treten sie in den Vordergrund, um´dem Publikum ihren Alltag näherzubringen: Der Qualitätsmanager, der von Ort zu Ort fliegt, um die Unternehmensstandorte zu besuchen, kommt mit den Arbeitsplätzen der anderen in Berührung. Sein Leben ist wegen der ständigen Ortswechsel von Orientierungslosigkeit geprägt, sodass er manchmal nicht einmal mehr weiß, wo er sich gerade befindet – gerade der Einstieg in das Stück mit seinem Monolog über die verschiedenen Abflugszeiten und Orte ist prägnant und bleibt in Erinnerung.
Das Leben der Fließbandarbeiterin hingegen zersplittert sich in Acht-Sekunden-Sequenzen – solange hat sie höchstens für die Fertigstellung eines Teilchens Zeit. Die Entwicklungsingenierin bleibt zerrissen zwischen Job und Familie und wird als teilweise zu überzogene Karikatur einer Öko-Karriere-Helikopter-Mom dargestellt, die den Firmenslogan vollständig verinnerlicht hat und als persönliches Credo verwendet: „Mein Ziel heißt EXZELLENZ.“ Der senegalische Callcenter-Teamleiter versucht nicht nur die Karriereleiter, sondern auch die einer Sekte emporzusteigen.

Die Durcbrechung der Illusion des Theaters durch zum Teil höhnische Kommentierung des beschriebenen Lebens sowie durch Anweisungen bezüglich der Einstellung des Lichtes lockern die Beschreibungen des Arbeitsalltages auf. Das karg gehaltene Bühnenbild besteht aus einem Klettergerüst – ein Sinnbild für die Karriereleiter, die es hinaufzuklettern gilt, und dass die Schauspieler*innen in ihre jeweiligen Sequenzen mit Bravour interaktiv einbauen. Die dadurch erforderliche akrobatische Leistung ist beachtlich.

Philine Bührer, Pascal Goffin, Tamara Semzow, Nicole Link © Lupi Spuma

Philine Bührer, Pascal Goffin, Tamara Semzow, Nicole Link © Lupi Spuma

Dennoch wirkt das Stück in Teilen langatmig, da es sich doch um ein rein statisches Bild handelt, das auf der Bühne gezeichnet wird: Der Arbeitsalltag der vier Personen wird beschrieben, es verändert sich nichts – weder in den Arbeitsbedingungen noch in den Einstellungen der Personen zu ihrer Arbeit. Die Frage zu beantworten, wie sich etwas verändern könnte, bleibt dem Publikum überlassen. Das wiederum ist auch gut so.

Nächste Möglichkeit das Stück im Schauspielhaus Graz zu sehen ist am kommenden Dienstag, 20. Oktober. Weitere Termine finden sich hier.

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