Black hole sun, here we come…

 „Merlin oder das wüste Land“ von Tankred Dorst im Schauspielhaus Graz zeigt eindrucksvoll wie aktuell ein Jahrhunderte alter Mythos sein kann. Regisseur Jan-Christoph Gockel lässt dazu auch noch die Puppen tanzen; mutig aber definitiv sehenswert.

Die Geschichte ist geläufig: Zauberer Merlin verhilft Artus zur Tafelrunde und zur schönen Ginevra, doch das Glück hält nicht lang. Neben dem Einmischen des Zauberers führen vor allem die Sehnsüchte der Figuren selbst zum Desaster. Durch brillante, größtenteils moderne Musik – Lancelot covert Soundgarden (sic!) – und einen gigantischen Baumstamm als Bühnenbild wird Merlin im Haus Eins besonders. Die wirkliche Magie üben jedoch die Puppen von Michael Pietsch aus, der (vom Ensemble unterstützt) Merlin und anderen Figuren mit Fingerfertigkeit Leben einflößt. Sei es die Rüstung des Roten Ritters oder eine Armee an Puppen, die in den Krieg zieht – in unterschiedlichen Größen und Formen bilden die Puppen die Seelenwelten der Protagonisten ab – von abartig bis lieblich ist alles dabei.

Ungewohnte vier Stunden dauert „Merlin“ ABER das ist auch gut so, denn sonst würde man Highlights wie die großartige Julia Gräfner als radikalen, wahnsinnigen Parzival oder einen Moonwalk in Rüstung verpassen. Die intensiv bespielte Länge merkt man dem Ensemble nicht an, die Waage zwischen Ernsthaftigkeit und Klamauk wird glaubwürdig gehalten. Die einprägsamste Szene findet sich gegen Ende des Stücks: Drahtzieher Merlin sieht mittels Drehbühne abwechselnde Mono- und Dialoge der Figuren und bekommt die Ergebnisse seines „Hineinpfuschens“ serviert. Er ist aber nicht der einzige Protagonist, den das Schicksal einholt. Artus‘ Streben nach Demokratie endet in einer elitären Tafelrunde die sich selbst belügt, Mordreds Sehnsucht nach Liebe hat seltsamste Ausmaße und Parzivals Gralssuche fordert mehr als nur ein Opfer.

Zerstörung führt das Publikum in das „wüste Land“ – innerlich wie äußerlich werden die Gefühlswelten der Figuren beleuchtet und langsam aber sicher demontiert. Die Hintergründe und Anstöße sind so unterschiedlich wie die Charaktere selbst; Merlin flüchtet gegen Ende vernichtend geschlagen, seinem Schicksal – der Menschheit das „Böse“ zu bringen und ihre wahre Natur aufzuzeigen – kann er nicht entfliehen. Eine Stimme aus dem Off erzählt am Ende des Stücks von Relikten einer seltsamen „Art“, welche neben sich selbst auch gleich die Erde ausgelöscht habe. Eine apokalyptische Utopie, die nicht mehr so unmöglich scheint – black hole sun, here we come…

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