Der Barbier von Sevilla – eine haarige Sache…

Der Inhalt des Barbier von Sevilla ist so klassisch wie banal: Graf Almaviva ist in die junge Rosina verliebt. Diese wird aber von ihrem Vormund Don Bartolo, der sie selbst heiraten möchte, mehr oder weniger gefangen gehalten. Der unglückliche Almaviva lässt sich daher von Figaro, Barbier von Sevilla und selbsternannter „Alleskönner“, auf erfinderischen Wegen zu seinem Liebesglück verhelfen. Nach unzähligen qui-pro-quos, Bestechungen und geheimen Botschaften findet das junge Liebespaar schließlich zusammen.

Da diese Oper folglich nie an Aktualität verliert, werden immer wieder neue Adaptierungen präsentiert. An der Oper Graz inszenierte dieses Mal Axel Köhler, der die zentrale Figur des Figaro als Motor der Handlung in den Hintergrund rückt. Dafür lässt er diese Schlüsselrolle im kunstvollen Bühnenbild wiederspiegeln: Don Bartolos Haus als überdimensionalen und begehbaren Perücken- bzw Lockenkopf zu gestalten, ist eine originelle Idee. Insbesondere die als Gewitter maskierte Haarwäsche des „Kopfhauses“ im zweiten Akt ist effektvoll und gelungen. „Das große Krabbeln“ während der Ouvertüre, bei dem sich Flöhe um das „Kopfhaus“ tummeln, deutet die niedrigen Hygienebedingungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts an, droht aber in Kontrast zu den crescendi des Orchesters langatmig zu werden. Überhaupt steht die Inszenierung im Zeichen des Komisch-Absurden: von Don Basilio als humanoides Klavier über zu Soldaten mutierende Flöhe der „hAir Force“ bis hin zu Föhn-Pistolen und einer drogensüchtigen Hausdienerin wurde der inszenatorischen Phantasie (zu sehr) freien Lauf gelassen. Die Oper von Gioacchino Rossini steht bereits seit der Uraufführung 1816 für das Anrüchige und Skandalöse. Die Liebesszene im zweiten Akt wäre allerdings auch implizit zu verstehen gewesen.

Barbier seviglia 3(c) Werner Kmetitsch

Der Barbier von Sevilla ist gesangstechnisch anspruchsvoll: die schnellen tempi und die vielen Koloraturen stellen hohe Anforderungen an die Sänger und Sängerinnen auf. Isaac Galán in der Titelrolle interpretierte Figaro als exzentrisch-extravaganten Coiffeur – in Gestik und Outfit. Er verließ sich dabei offensichtlich mehr auf seine mimische Ausdrucksfähigkeit als auf seine gesangstechnischen Qualitäten, worunter Largo al Factotum – die wohl berühmteste Arie der Oper – bedauerlicherweise stark darunter litt. Er hetzte hörbar dem Orchester hinterher, welches sich auch mehr Zeit hätte nehmen können, um mit dem Solisten zu harmonieren. Tansel Akzeybek wurde mit seiner kristallklaren und jugendlichen Tenorstimme der Figur des Conte Almaviva in Summe gerecht; die Koloraturen wären mit etwas weniger legato allerdings auch gut ausgekommen. Wilfried Zelinka (Bass) war bravourös in der Rolle des Don Bartolo zu sehen. Auch Anna Brull überzeugte als frivole Rosina mit ihren leichten, aber sicheren Sopranstimme. Leider nur in einer Nebenrolle zu hören war Dariusz Perczak mit imposanter Baritonstimme als Fiorello und Offizier.

Barbier seviglia(c) Werner Kmetitsch

Ob die vielen absurden und parodienhaften Elemente den von Rossini angedachten Turbulenzen der Oper entsprechen oder dessen Rahmen sprengen, ist Geschmackssache. Die Grazer Aufführung hinterlässt jedenfalls den Eindruck, dass im Namen der Komik und des Unterhaltungsfaktors musikalische Genauigkeit als zweitrangig geopfert wird. Gut, Der Barbier von Sevilla ist und bleibt der Inbegriff der opera buffa, aber bitte kein hastig zu konsumierendes Produkt einer Unterhaltungsindustrie.

Zu den Terminen und weiteren Informationen siehe hier.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s