This is Cactus Land

Wir befinden uns in einem Hotelzimmer. Vermutlich in Sarajevo Mitte der 1990er Jahre. Das Hotel „Cactus Land“ hat auch schon einmal bessere Zeiten erlebt, was im Sarajevo der 1990er Jahre auch nicht verwundert. Vor uns eine gescheiterte Existenz. Eine gescheiterte Existenz? Diese Frage – so viel vorweg – wird nicht beantwortet werden. Bleiben wir bei den Fakten: Alex Lewis ist Kriegsreporter. Er entstammt einer vornehmen britischen Familie deren männlicher Zweig hochdekorierte Militärangehörige sind. Neben der Abwesenheit des Vaters wurde Alex von einer dominaten Mutterfigur und dem Edelinternat Eton geprägt, von welchem er geflogen ist.

Cornelia Kempers, Henriette Blumenau, Sarah Sophia Meyer, Jan Brunhoeber (c) Lupi Spuma

Cornelia Kempers, Henriette Blumenau, Sarah Sophia Meyer, Jan Brunhoeber (c) Lupi Spuma

Jan Brunnhoeber als Alex Lewis legt hier einen großartigen Einstand auf die Bretter des Grazer Schauspielhauses. Interessanterweise ist der der einzig männliche Darstelller. Umringt wird er  von einem Damentrio, welches durch Mutter, Schwester und Geliebte aus der Zeit in Sarajevo vermutlich die drei einflussreichsten Frauen in seinem bisherigen leben waren. Es wirkt vielfach, als befinde er sich in einem Albtraum. Immer wieder fliegen die Fetzen aus seiner Vergangenheit in das Stück zurück, welches annähernd nur aus diesen zu bestehen scheint. Untermalt werden diese Sequenzen durch einen Damenchor, der nicht nur durch das dunkle Auftreten sondern auch durch die Schwere des gewählten Liedgutes die Szenerie hin zu einer Trauergemeinschaft zu verändern mag. Aufgerüttelt aus dem Traum werden die Zuschauer und Alex einzig durch die Kecke Silvana Veit, die als Zimmermädchen unseren Kriegsreporter immer im unpassendsten Moment mit Trivialitäten zu stören scheint.

Die Story ist angelehnt an die Erzählungen „My War Gone By, I Miss It So“ des britischen Kriegsfotografen Anthony Loyd. Regisseurin Lily Sykes hat zudem einen persönlichen Bezug zum Thema, da ihre Mutter für die BBC mehrere Dokumentationen über den Balkankrieg drehte, was in diese Arbeit einfließt. Man merkt dem Stück durchaus viele verschiedene Einflüsse an, die durchaus auch einen langen Nachhall bieten. Katzenvideos bringen uns eher zum Weinen als die Verletzung der Menschenrechte. Solche und ähnliche Aussagen fallen ganz nebenbei und schwingen doch die große Moralkeule, die sonst nur im Subtext des Stückes leise durchdringt. Das häufige Hin und Her im Erzählstrang ohne nähere Erläuterungen ist jedoch häufig unerklärlich und überfordernd. Hierin liegt die eigentliche Schwäche des Stückes: Es hat zu viele Nebenschauplätze, die nur mäßig nachvollziehbar eingebunden wurden. Und trotzdem ist es ein sehenswertes Stück, da gibt es keine Frage. Der Stoff und die Einzelteile haben eine enorme Qualität!

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